Now Playing: Meiko Kaji – Flower Of Carnage
Traurig, aber wahr? Ja, so kann man mein Gefühl jetzt wohl am besten beschreiben. Heute war mein erster freier Tag, und der fing äußerst bescheiden an. Ich konnte zum ersten Mal etwas länger schlafen, weil Obaasan im Wohnzimmer war, während ich mich noch in meinen Futon einrollte. Nach dem Aufstehen ging es aber schon los, denn Iwamoto-san hatte mir nicht den versprochenen Stadtplan besorgt, auf dem die tollsten Sehenswürdigkeiten der Gegend um Masuda eingezeichnet waren. Na super! Dann wurde ich vor die Wahl gestellt, dass ich, weil ja heute so gutes Wetter sei, entweder heute meine Wäsche waschen könne, dann aber nicht genug Zeit hätte, noch in die Stadt zu fahren. Das sei ja meine eigene Schuld, weil ich nicht wie sonst um 6.30 Uhr aufgestanden sei. WTF natürlich nicht, ist ja auch mein freier Tag, ne? Da war ich dann ziemlich sauer. Dass mein Handgelenk immer noch dick wie ein Tennisball war, vernahm er auch eher mit Unmut. Ich hatte mit Iwamoto-san mal über seine Werte geredet, was das wichtigste für ihn im Leben sei, worauf er antwortete, Essen und Gesundheit. Ich erklärte ihm, dass mir Gesundheit auch wichtig sei, vor allem meine eigene, und dass ich eben diese nicht für die Arbeit ruinieren würde. Er meinte dann, dass es vielleicht besser sei, mir eine andere Stelle zu suchen, da er jemanden für Männerarbeit (Sachen schleppen), nicht für Frauenarbeit (Sachen schneiden, hehe) bräuchte. Agreed, erleichtert, also wird es morgen nach Ôsaka zurück gehen. Dennoch wollte ich nach Masuda, um den Ikkô-ji, den Mampuku-ji, sowie einige andere Sachen anzuschauen. Genau da fing der Teil des Tages an, der meiner Erleichterung einen Dämpfer verpasste.
Gerade war ich am Tor des Ikkô-ji angekommen, schon sprach mich ein Japaner an, ob er nicht von mir ein Foto machen solle. Sehr freundlich! Er bot mir direkt an, mir eine Führung durch den Schrein-Bereich zu geben; dankend nahm ich an. Er, Otani-san, kannte auch die Frau am Eingang des Schreins, deshalb war der Eintritt auch kostenlos. Er zeigte und erklärte mir den gesamten Schrein, den Garten, den Sesshû entworfen hatte, die haiden, verschiedene Exponate, dann kam plötzlich noch die Frau vom Eingang und brachte uns Tee. Hinzu gesellte sich noch ein Priester, der auch ein wenig plaudern wollte. Toll. Als wir mit der Führung weitermachen wollten, fing es leider an zu regnen/schneien, deshalb führte mich Otani-san zu einem direkt nebenan gelegenen Haus, was sich als Töpferei herausstellte. Ohne, dass ich es wusste, lernte ich gerade einen der berühmtesten Söhne Masudas kennen, ein Töpfer/Künstler, der über die Präfekturgrenzen hinaus bekannt ist. Er und seine Frau waren auch unglaublich freundlich, erläuterten mir alles, zeigten mir ihre wunderschönen Kunstwerke, und obendrein wurde ich noch zu nihoncha eingeladen, da sich die Frau auch noch als Teezeremoniemeisterin entpuppte. Sprachlos vor soviel Freundlichkeit, lud mich Otani-san danach noch zu sich nach Hause ein, zeigte mir DVDs von seinen Musicals, da er Hobby-Sänger, Regisseur, Produzent, Schauspieler , Komponist ist. Sehr, sehr cool. Als wäre das noch nicht genug, wollte er mich zum Bahnhof fahren, zeigte mir auf dem Weg dorthin aber noch das „Grand Toit“ genannte Museum von Masuda. Das Gebäude an sich ist ein Kunstwerk und die Ausstellungsräume, sowie die Exponate, waren umwerfend. Selbstverständlich durfte ich für nichts bezahlen, sondern wurde überall eingeladen. Krass. Ich bin sehr überzeugt, dass das in Deutschland niemand bei einem wildfremden Menschen machen würde. Nach 1000 arigatou gozaimashita ging es weiter mit den coolen Sachen. Im Supermarkt wurden Frauen rot, weil ich bei denen einkaufte und nach einem ATM (Geldautomat) fragte. Auf dem Weg dorthin fragte ich noch mal 2 Frauen, die mir bei näherem hinsehen als „Pennerinnen“ erschienen, da sie wohl alkoholisiert waren und höchstens noch zwei Zähne im Mund hatten, und was machen die? Sie gehen entgegen ihrer ursprünglichen Richtung und liefern mich direkt vor dem Automaten ab. In Köln wäre man erstens beleidigt worden, und zweitens hätten die einen direkt nach Geld gefragt.
Die freundliche Bande.
Am Abend holte mich Iwamoto-san ab, wir kauften 2 gigantische Sushi-Platten und es gab ein richtiges Festessen. Auf einmal quatschten sie alle mit mir, Iwamoto-san und ich betranken uns mit nihonshû und aßen bis zur Verdauungsstarre.
Abschiedsessen.
Im Laufe des Abends kristallisierte er sich als eiserner Fan von Stallone und Steven Seagal, woraufhin er auch direkt alte VHS Kassetten mit lauter Perlen hervorholte. Jeder spielte seine Favoritenszenen aus den Rambo-Teilen nach, wir phantasierten, ob wohl Seagal, Stallone, Schwarzenegger oder Bruce Willis in einem Kampf gegeneinander gewinnen würde, und er zeigte sich hellauf begeistert vom Rambo 4 Trailer: „MITAI! MITAI!“ Er zeigte mir noch Videos von Kagaru, erklärte mir die Geschichte von Izanami und Izanagi, von Amaterasu und Susano-o, und war vollkommen verdutzt, dass ich die schon kannte, sowie eine Oni-Maske kaufen wollte. In Masuda gibt es tatsächlich einen Laden, der die für ungefähr 20000 Yen vertickt. Damn! Verdammt, so hatte ich mir den Aufenthalt vorgestellt und gewünscht, aber das Ticket nach Ôsaka war schon gekauft und es war zu spät, um umzudenken. Wer weiß, vielleicht kehre ich ja noch mal zurück, wenn es etwas wärmer geworden ist. Dann werde ich halt keine Sachen mehr schneiden, sondern nur noch Plackereien machen. Ich übersetzte noch eine Mail für ihn, schrieb noch etwas in sein Gästebuch, dann ging es schon ins Bett.



Einträge (RSS)