Waaaas? Schon wieder Kamakura? Aller guten Dinge sind drei, und da Kamakura noch genug Gründe für weitaus mehr als drei Besuche liefert, fuhr ich an meinem freien Tag wieder dorthin, um noch die letzten Ziele, die ich mir als Muss ausgesucht hatte, zu besichtigen. Die Voraussetzungen waren perfekt: strahlender Sonnenschein vor zunächst obszön blauem Himmel, dazu konnte ich dieses Mal mit dem 125er Roller von Benoit fahren. Der macht immerhin 110 km/h, die ich dann auch meistens gefahren bin, was mich zu einer Art japanischem Ghost Rider werden lässt, weil alle nur 50 fahren - mehr ist halt nicht erlaubt. Für mich besteht die größte Gefahr dabei, dass ich vor Langeweile Sekundenschlaf bekomme und spontane Kaltverformung von Metall und Menschenmaterial verursache, deshalb ist es besser, konstant 100 zu fahren. Zudem war es mitten in der Woche, also waren vermutlich nur normal viele Touristen unterwegs. Als ich die Hauptstraße in Richtung Hachiman-gu entlang fuhr, bot sich mir ein sehr cooles Bild: im Zentrum von Kamakura gibt es auf dem Weg zum Hachiman-gu auf der rechten Seite eine ziemlich große Schule, die Unter-, Mittel- und Oberschule beherbergt, und zwar nur für Mädchen. Die hatten wohl so etwas wie einen Ausflug, keine Ahnung, aber die verließen alle gleichzeitig die Schule und marschierten in einer schier endlosen Zweierreihe entlang der Hauptstraße, so weit das Auge reichte (und ich hatte meine Brille auf!). So viele Sailor Moons habe ich noch nie auf einen Haufen gesehen. Bilder gibt es davon nicht, weil ich nicht pervers genug bin bzw. sich in dieser Richtung einfach kein Fetisch bei mir ausgebildet hat, der es rechtfertigen würde, auf einer teilw. sechsspurigen Straße anzuhalten, in der Tasche nach dem Fotoapparat zu kramen und dann Fotos zu machen. Tschüss Sailor Moons also, willkommen, Kencho-ji. Der war nämlich mein erstes Ziel. Der Kencho-ji ist der wichtigste der fünf großen Zen-Tempel in Kamakura. Die Arbeiten an ihm wurden 1253 fertiggestellt, mit ursprünglich sieben Hauptgebäuden und 49 Subtempeln, aber durch mehrere Feuer im 14. und 15. Jahrhundert wurden die meisten von ihnen zerstört. Nach aufwändigen Restaurierungsarbeiten in der Tokugawa-Zeit wurde ein großer Teil wiederhergestellt, so dass es momentan 10 Subtempel gibt und die Hauptgebäude vorhanden sind. Direkt nachdem man den Tempel durch das Eingangstor, Somon, betreten hat, fällt einem das riesige Sanmon, das Haupttor, ins Auge.
Das Somon.
Das Sanmon.
Über 30 Meter an Höhe misst die Holzkonstruktion…ein ganz schöner Brummer. Der Legende nach hat ein Tanuki (eine Art Marderhund, vom Äußeren einem Waschbär ähnlich) beim Bau geholfen, indem er sich in einen Mönch verwandelt hat, um die Freundlichkeit, mit der die Mönche dem Tanuki begegnet waren, zu belohnen. Deshalb wird das Tor auch heute noch Tanukimon genannt. Direkt dahinter, nicht minder eindrucksvoll, stehen die gewaltigen Wachholder, über 700 Jahre alte Bäume, die Nationalschätze Japans sind, ebenso wie die Tempelglocke Bonsho, die 1255 fertiggestellt wurde. Geläutet wird sie nicht mehr, dafür ist sie zu fragil.
Die Bäume sind Nationalschätze Japans.
Die Butsuden und Hatto gehören zu den größten buddhistischen Holzkonstruktionen in Ostjapan, wobei mir vor allem die Hatto mit dem riesigen Deckengemälde gefallen hat. Die Hojo, die Haupthalle, hätte ich eigentlich gar nicht fotografieren dürfen, aber da ich alleine war, habe ich es einfach gemacht. Immer diese beschissenen Ausländer! Bemerkenswert ist, dass die gesamte Hojo, wie das Somon auch, vom Hanju Zanmai-in Tempel in Kyoto Stück für Stück hierher verfrachtet wurde. In der Hojo wird Shake Nyorai verehrt und sie wird auch oft Ryuo-den genannt, was so viel wie Drachenkönig-Halle bedeutet. Direkt dahinter befindet sich der Garten, der vom Zen-Meister Muso Kokushi designt wurde. Aber genug gelabert, schaut euch die Bilder an.
Butsuden.
Der Eingang zur Hatto.
Das Deckengemälde in der Hatto.
Hojo…
…und der Garten hinter der Hojo.
Auf dem großen Tempelgelände befindet sich noch der Hanso-bo, der Schutzschrein des Kencho-ji. 1890 wurde der Hanso-bo vom Hoko-ji in Shizuoka aus nach Kamakura verfrachtet. Der Weg zum Hanso-bo führt über 250 Treppen hinauf auf einen kleinen Berg, der auch zugleich der Ausgangspunkt für die geplante Wanderung war.
Auf dem Weg zum Hanso-bo…
…kann man viele karasu-tengu bewundern.
Hanso-bo.
Wieder so ein endgeiles ema. Rocketpunch!
Ein Wanderweg führt nämlich von hier aus zum Zuisen-ji, ein entlegener Tempel, der nicht so bekannt ist, weil er eben sehr abgelegen ist, aber durch seinen tollen Garten eine Reise wert sein soll. Auf dem Wanderweg, der 1 Stunde und 50 Minuten dauern soll, kann man angeblich auch die schönsten Aussichten in ganz Kanagawa bewundern. Auf geht’s in den Sleepy Hollow Wald!
Wanderweg ist entweder stark übertrieben, oder ich habe eine andere Vorstellung von Wanderwegen. Meine Vorstellung von Wanderwegen sieht so aus: ein Weg, meist mit Kies bedeckt oder aus festgetretenem Boden bestehend, mit der einzigen Heimtücke in Form der ein oder anderen Wurzel, die mal alle paar Hundert Meter aus dem Boden lugt. Vielleicht sind noch die Mülltonnen an den Rastplätzen gefährlich, weil dort Wespen nisten…die hasse ich nämlich. Der Weg in Kamakura gestaltete sich aber so: ich sah in manchmal gar nicht. Teilweise habe ich nur noch gerätselt, wohin ich jetzt wohl gehen soll, denn der Weg ist vollkommen unbefestigt, führt über Moos bewachsene und somit aalglatte Steinhaufen, mit stellenweise ordentlichen Höhenunterschieden. Merke: Puma Speedcat lookalikes aus China sind keine Wanderschuhe! Auf die Klappe gelegt habe ich mich auch ein Mal, aber Spaß gemacht hat es tierisch und was die Aussicht betrifft, gelogen wurde da nicht. Wunderschöne Panoramen boten sich mir. Somit ist diese Wanderung für den Kamakura-Besucher stark zur Nachahmung empfohlen.
Auf dem Ohirayama, der höchste Punkt Kamakuras, stieß ich auf einen Gebäudekomplex, der sich als Golfclub entpuppte. Auf mich machte die Anlage aber eher den Eindruck eines Altersheims mit angeschlossenem Golfplatz. Eine Armee alter bis sehr alter Menschen fuhr mit Golfwagen im Schneckentempo durch die Gegend, oder spielte Golf in einer Geschwindigkeit, die mich an die Sequenzen in „Der 6-Millionen-Dollar-Mann“, der alten Serie mit Lee Majors, erinnerte. Ach ja, kennt ihr das, dass wenn ihr irgendwo hergeht, jemand entweder kurz vor oder hinter euch mit exakt derselben Geschwindigkeit geht? Mir geht das immer tierisch auf die Nüsse und ich denke mir dann „verdammt geh entweder schneller oder langsamer!“. Von den fünf Leuten, die ich auf dem langen Weg getroffen habe, ging tatsächlich einer vor mir mit exakt derselben Geschwindigkeit. Das war so ein Opa, der mit Trainingsanzug und Handtuch im Nacken wohl Walking als Sport gemacht hat. Der lief die ganze Zeit vor mir, drehte sich immer um und fühlte sich bestimmt verfolgt. Als er einen Zahn zulegte, bin ich auch schneller gegangen, denn das ist wie beim Rennrad fahren…der Mann vor einem ist immer der Lance, und in mir kommt dann der Jan zum Vorschein. Irgendwann gab Opi auf und blieb stehen, strafte mich mit einem gehässigen Blick und ließ mich passieren. Sorry Opa, meine Melatoninproduktion war sicher schon mal höher, aber die 30 Jahre machen dann doch einen Unterschied.
Gut gut, Erster! Der Zuisenji war genial, als wäre die Redewendung „klein, aber fein“ für ihn gemacht worden. Der Garten ist berauschend schön und zusammen mit der coolen Katze war ich der einzige Gast dort. Zeit für ein Picknick und um in der Sonne zu pennen.
Der Zuisenji!
Mein Kumpel und ich chillen im Zuisenji in der Sonne.
Danach ging ich zu Fuß zurück zum Kencho-ji, machte dabei noch Abstecher zum Kamakura-gu Schrein, zum Grab von Minamoto no Yoritomo und noch mal zum Hachiman-gu.
Das Grab von Minamoto no Yoritomo.
Zeit, mal ein paar Worte über Kamakura im Allgemeinen zu verlieren. Kamakura ist die Stadt, die mir bisher am besten in Japan gefallen hat. Kulturell hat sie enorm viel zu bieten…der Teil, den ich bisher gesehen habe, ist der kleinere Teil dessen, was die Stadt vorzuweisen hat. Der Strand von Kamakura oder der in den benachbarten Orten Zushi und Hayama ist ziemlich schön – nicht umsonst hat der Tenno dort eine seiner Residenzen. Die Wohnviertel in Kamakura, besonders die um den Zuisenji herum, sind extrem idyllisch, sehen aber auch nach Geld aus. Man kann hier gut ausgehen, denn das Angebot der Restaurants und Cafés ist toll und sehr vielfältig, auch internationale Küche ist hier gut vertreten. Wenn man genug von der Idylle hat, kann man jederzeit in den Zug hüpfen und ist in kurzer Zeit in Tokyo oder Yokohama…mehr Stadt brauch der Mensch eigentlich nicht. Dennoch, für mich ist jetzt die Zeit gekommen, mich nach etwas neuem umzuschauen. Mal sehen, was ich als nächstes machen werde…Kyoto wäre mein Wunschziel als WWOOFer, aber das Angebot an Stellen ist dort nicht so berauschend. Vielleicht schiebe ich einen Kurztrip nach Sapporo ein, um Yvonne dort zu besuchen, aber das wird sich alles in den nächsten Tagen entscheiden. Eine Reise mit dem Roller nach Sapporo wäre zwar sehr cool, aber würde ungefähr 5 Tage dauern (über 1000 km für die einfache Strecke), und obwohl ich jetzt noch 3 Monate Aufenthaltsrecht in Japan habe, habe ich das Gefühl, dass die Zeit knapp wird. Kommt Zeit, kommt Rat. Ansonsten hat mich momentan der DS im eisernen Griff, alles die Schuld von…
…Puzzle Quest! Warum habe ich bloß damit angefangen?
Haut rein!
























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