Hisashiburi ne…ja ich habe lange nichts von mir hören lassen, weil ich lange Zeit unterwegs war, und zwar in Kyoto, Nara, Himeji und Osaka. Nach dem alltäglichen Sightseeing-Marathon bin ich abends nur noch todmüde ins Bett gefallen, weshalb sich ein Update des Blogs und Mails arg verspätet haben. Besser spät als nie, oder? Deshalb werde ich jetzt ein massives Blogupdate mit diesem Eintrag beginnen, will aber vorher noch etwas anmerken:
1. Es wird viele Bilder aus Tempeln und Schreinen geben
2. Die Qualität der Bilder ist nicht so berauschend, weil meine 5 Jahre alte 3-Megapixel-Kamera zum Einsatz kam
Also, los geht’s!
Wie der Titel schon sagt, bin ich in Kyoto angekommen. Kyoto, das ist die Stadt, die für die längste Zeit die offizielle Hauptstadt Japans war und, wenn man den Japan besuchen sollte, als Ausflugsziel mindestens so wichtig sein sollte wie Tokyo. Tokyo habe ich ja schon zum Teil abgegrast und ich werde dort noch mal ein paar Tage verbringen, wenn mich mein jüngerer Bruder besuchen wird. Von Tokyo aus bin ich mit dem Nachtbus nach Kyoto gefahren. Jedes Mal, wenn ich mit dem Langstreckenbus fahre, sehe ich die positiven Seiten des - von den Japanern vermutlich nicht als solchen empfundenen - japanischen Rassismus’. Rassismus? Jaja, jeden Tag gibt es lauter Kleinigkeiten, durch die mir vor Augen geführt wird, dass ich Ausländer bin. Achtung, ab jetzt wird kurz gelästert, aber ich habe bisher so viele gute Sachen geschrieben, da werde ich mir das mal kurz erlauben dürfen
Ach ja, ich möchte dadurch nicht “die Japaner” über einen Kamm scheren, sondern lediglich meine Erfahrungen schildern.
1. Es war in den meisten Fällen vollkommen gleich, ob ich Japaner auf Japanisch angesprochen habe oder nicht, sie haben versucht, auf ihr eigenes Englisch, das oftmals deutlich schwächer als mein Japanisch war - umzuschalten.
2. Wenn irgendwelche Leute Prospekte, Taschentücher, oder Rabatte für irgendwelche Restaurants, Bars oder Clubs verteilt haben, wurde ich in 90% der Fälle ignoriert. Vor mir gingen Japaner und wurden angesprochen, dann kam ich und es herrschte Stille, hinter mir wurden die Leute wieder angesprochen.
3. Es kam vor, dass ich am Eingang zu Restaurants mit der Begründung abgewiesen wurde, dass das Restaurant voll sei. Das Gegenteil war der Fall, aber auch im Lonely Planet wird man auf Etablissements hingewiesen, die Ausländer nicht bewirten und somit auf solch ein Verhalten vorbereitet. Es scheint also durchaus “normal” zu sein.
4. Wenn ich in ein onsen kam, vor allem wenn es ein kleines war, dann war seitens der anwesenden Japaner ein baldiges Verlassen zu erwarten. Das galt auch für öffentliche Bäder in Hotels und dergleichen. Nein, ich habe noch kein Tattoo. Nein, ich gehe nicht mit Shampoo ins Bad und ich habe auch keine Scheisse am Rücken oder so. Ich könnte mir das ja auch einbilden, d.h. vielleicht wollten die Leute eh gehen, aber wenn ich schon im Bad sitze, Leute kommen, mich sehen, und unverrichteter Dinge das onsen wieder verlassen, obwohl sie Eintritt gezahlt haben, dann empfinde ich das schon als merkwürdig.
Das sind nur ein paar der alltäglichen Dinge, die ich als negativ empfinde. “Positive” Auswirkungen des alltäglichen Rassismus wären, wenn man denn so will, beispielsweise die oben erwähnte Tatsache, dass ich in den Nachtbussen grundsätzlich einen Einzelplatz bekomme. In diesem Fall will ich nicht meckern, weil es so doch bequemer für mich ist. Andererseits wird so natürlich die Chance gemindert, zufällig neben einer unglaublich heißen Japanerin zu landen und mich in der heimischen Sitte des chikan zu versuchen
Ein anderes Beispiel ist, dass ich in Clubs nicht gecheckt wurde. Während die Japaner vor und nach mir auf Waffen überprüft wurden, wurde ich ausgelassen und durchgewunken. Des Weiteren kann man darüber streiten, ob der - tatsächlich existierende - Gaijin-Bonus ein Fluch oder Segen ist. Es ist zwar irgendwie auch lustig, wenn sich wildfremde Menschen mit einem fotografieren lassen wollen oder ich von vielen Frauen angesprochen werde, aber es nervt auch kolossal, wenn im Schwimmbad die Kinder um mich rumlaufen und die Mütter, die ihre Kinder beim Schwimmunterricht beobachten sollten, eher mich beobachten. Das ist übrigens kein Quatsch…probiert es einfach selbst mal aus. Ich habe mir angewöhnt, die Leute darauf hinzuweisen, dass das hier kein Streichelzoo ist…kein Witz. “Oh lasst uns mal die Haare des Ausländers anfassen! Zeig uns deine Arme! Zeig uns deinen Bauch! Zeig uns deine Augen! Kawaii! Kakkoi!” Oh Mann, das klingt so abgehoben, wenn ich das lese…aber es ist wirklich so und mal nervt es, mal ist es cool.
Ja, soweit zum kleinen Ausflug in meine Gedankenwelt. Weiter geht es aber mit den wichtigen Dingen, also Kyoto und somit zahllosen Sehenswürdigkeiten. Alleine die Zahl der Tempel und Schreine beläuft sich auf über 2000 (!). Im Lonely Planet steht geschrieben, dass man auch nach mehreren Jahren als Bewohner Kyotos noch neue Dinge entdecken kann, und ohne allzu sehr zu spoilern, ich glaube, dass das stimmt. Man muss als Tourist mit einem straffen Zeitplan ausstaffiert sein, damit man einigermaßen etwas von der Stadt zu sehen bekommt, wenn man nur fünf Tage Zeit hat. Einen wirklich straffen Zeitplan hatte ich aber nicht, eigentlich hatte ich überhaupt keinen Plan von Kyoto, bevor ich dort morgens um 6.30 Uhr ankam. Mein unglaublich schweres Gepäck habe ich erstmal in einem Schließfach verstaut und mich dann bei McDonalds an die Planung gemacht. Der Bahnhof Kyoto ist schon die erste Attraktion gewesen. Ein futuristisch wirkender Palast aus Glas und Stahl, über den die Kyotoer geteilter Meinung sind. Wenn man den Bahnhof verlässt und ihn von außen betrachtet, dann versteht man auch schnell, warum das der Fall ist. Irgendwie vermutet man so ein Gebäude eher in den pulsierenden Gegenden Tokyos, also vielleicht in Shinjuku oder in Odaiba. Zu den umliegenden Gebäuden will er jedenfalls nicht so recht passen. Mir hat er ganz gut gefallen…
Yay! Da bin ich in der alten Kaiserstadt!
Lustig war dann folgendes: ich habe mir ob der vielen Kameras, die sich im Bahnhof befanden, einen kleinen Spaß erlaubt und die Kameras fotografiert, sowie meine Tasche unterhalb einer Kamera platziert.
Das war wohl ein Fehler, denn wie ein weiteres Bild aus der Reihe “Tiere weisen auf die Gefahren Japans hin” zeigt, war die Polizei in Kyoto zu dem Zeitpunkt in besonderer Alarmbereitschaft:
Tja, was ist es für ein Tier? Keine Ahnung, aber auf jeden Fall hat es seine Augen und Antennen auf Terrorgefahr ausgerichtet! Zufall oder nicht, vor dem Bahnhof kamen zwei Typen, die in Anzüge gekleidet waren, auf mich zu, und gaben sich als Polizisten zu erkennen. Sie wollten einiges von mir wissen, woher ich denn käme, was ich denn wolle und so weiter. Hintergrund des Ganzen war und ist der bevorstehende Gipfel der G8-Außenminister in Kyoto am 26. und 27.6. Da will man sich verständlicherweise von seiner besten Seite zeigen. Nun ist mein Bartwuchs aber nicht allzu Besorgnis erregend und deshalb konnte ich unverrichteter Dinge weitergehen, durfte aber kein Foto von den Herren machen…undercover und so! Dafür habe ich ein Foto vom tollsten Fahndungsplakat gemacht, das jemals das Licht der Welt erblickt hat.
Lol?
Ich habe keine Ahnung, was an mich wie einen potentiellen Terroristen wirken lässt, aber in Paris ist mir ja auch ähnliches widerfahren, außer dass die französischen Kollegen deutlich weniger Fingerspitzengefühl im Umgang mit meinem Gepäck bewiesen, als sie mit ihren UZIs darin herum rührten. Natürlich fühle ich mich jetzt viel sicherer in Japan, weiß ich doch, dass die japanische Polizei im Hintergrund arbeitet und alles sieht. Im elften Stock des Bahnhofs habe ich noch einen tollen Platz entdeckt, die “Happy Terrace”. Gott, was war ich da glücklich!
I’m sooo happy! Glücklich steuerte ich dann mein erstes Ziel an, der Higashi Hongan-ji, der sich ungefähr 10 Minuten nördlich des Hauptbahnhofs befindet und vor allem durch seine gigantische “Gründerhalle”, Goei-do, aufzufallen weiß. Der Higashi Hongan-ji ist der Haupttempel des Otani-ha Zweigs des Jodo-Shinshu, dessen Gründer/Stifter Shinran ist. Leider hatte ich Pech, denn die riesige Gründerhalle wird momentan restauriert. Das Gebäude datiert auf 1895 zurück, misst 76 x 58 x 38 m, die Zahl der Kacheln auf dem Dach beläuft sich auf knapp über 176000…ein ganz schöner Brocken also! Auf dem Foto kann man die Ausmaße anhand des tschernobyl-esken (eine schöne Kreation?) Sarges gut erkennen.
Im Vordergrund ist das Goei-do mon zu sehen, im Hintergrund die verdeckte Goei-do. Im Tempel kann man sich noch eine interessante Ausstellung anschauen, wo unter anderem ein Seil präsentiert wird, das aus Haar besteht, das Gläubige zur Zeit der Neuerrichtung der Halle (1895) gespendet hatten, weil Seile damals minderwertiger Qualität waren und Menschenhaar sich zur Herstellung höherwertiger Seile sich bestens eignete.
So in etwa sah das auch aus, als ich den Abfluß der Dusche meiner alten Wohnung gesäubert hatte, kurz nachdem ich da eingezogen war. Bemerkenswert ist im Higashi Hongan-ji noch der neue Anbau, der auch als Kulisse für das Hauptquartier eines Bösewichts in einem James Bond Film hätte dienen können.
Futuristisch und cool! Weitere Fotos des Higashi Hongan-ji gibt es natürlich in der Galerie. Unweit des Higashi Hongan-ji befindet sich der Shosei-en, ein kleiner, aber feiner Garten, der eigentlich zum Higashi Hongan-ji gehört und die 500Yen Eintritt definitiv wert ist, alleine schon für das wunderschön gestaltete Informationsheft, das man beim Eintritt erhält.
Wie die Fotos erkennen lassen, war das Wetter nicht so richtig gut, d.h., es fing an zu regnen. Bei Sonne und vor allem im Frühling oder im Herbst dürfte der Garten noch eine ganze Menge mehr hermachen. Den Higashi Hongan-ji hatte ich nun besichtigt, also war der Schwestertempel, der Nishi Hongan-ji, logischerweise das nächste Ziel. Selbiger gilt, trotz seiner geringeren Ausmaße, als der wichtigere und schönere der beiden Tempel, weil sich dort viele Nationalschätze befinden und er zudem Weltkulturerbe ist. Die Anlage der beiden Tempel ist ziemlich ähnlich, aber im Design der Gebäude, vor allem im Detailgrad der Verzierungen lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen.
Die schöne Verzierungen an einem der Tore sind gut zu erkennen, genau wie die Regentropfen auf dem folgenden Bild:
Verdammt! Die Wolken setzen ihr ijime fort und lassen mich nicht in Ruhe, aber ein japanischer Sommerregen ist schon etwas anderes als ein fieser, nasskalter Nieselregen in Deutschland. Daher war es gar nicht so schlimm, sondern ich dachte mehr an “English Summer Rain” von Placebo. Dennoch hatte ich keine richtige Lust, im Regen spazieren zu gehen, deshalb habe ich mich erst mal wieder am Bahnhof umgeschaut und dort das “Kyoto Atom” entdeckt, ein Geschäft/Mini-Museum, das sich gänzlich dem Werk von Tezuma Osamu verschrieben hat. Der Name sagt den meisten wahrscheinlich nichts, aber vielleicht kennt der ein oder andere “Astro Boy”.
Links, das ist Astro Boy. Eine weitere bekannte Schöpfung Tezamus ist “Black Jack”.
Das ist übrigens nicht der Black Jack, von dem ich rede, wenn ich Black Jack im Zusammenhang mit Drogen und Nutten erwähne
Beim Verlassen des Kyoto Atom konnte ich noch japanische Schüler bei einer Klassenfahrt beobachten. Alle mussten sich ordentlich auf den Boden setzen und den Anweisungen der Lehrer lauschen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie so etwas in Deutschland ablaufen sollte, wenn sich 100 pubertierende Rütli-Schüler vor dem Berliner Hauptbahnhof auf den Boden setzen sollen, begleitet von lediglich 4 Lehrern…Mission Impossible.
Zwecks Dramatisierung habe ich davon ein Schwarz-Weiß-Foto gemacht. Sehr liebenswert sah das aus und alle waren so brav.
Doch weiter ging es im Sightseeing-Marathon. Der Fushimi Inari-Taisha ist bestimmt einer der am meisten fotografierten Orte ganz Japans. Die Tausende scharlachroter torii hat bestimmt der ein oder andere schon mal auf einem Foto oder in einem Bericht über Japan gesehen. Als einer der ältesten und bedeutendsten Schreine Kyotos strömen auch jedes Jahr Millionen von Japaner zum Neujahrsfest zu diesem Schrein. Wikipedia sagt, dass es 2006 fast 2,7 Millionen Leute in 3 Tagen waren. Krass, vor allem wenn ich an die teilweise engen Pfade denke, die auf und um den Berg herum führen. Die interessante Geschichte des Schreins könnt ihr in Auszügen hier nachlesen. Was ihr dort nicht nachlesen könnt, ist, wie unglaublich gut die Atmosphäre dort war. Obwohl das Wetter immer schlechter wurde und es beständig regnete, war vielleicht gerade dieses Wetter und die daraus resultierende, relative Dunkelheit, das Geniale. Die Atmosphäre wurde düster und der Wald unheimlich, besonders von dem Punkt an, als die Lampen, die entlang der Pfade aufgestellt sind, eingeschaltet wurden.
Das Eingangstor zum Fushimi Inari-Taisha.
Zum Vergleich habe ich mal ein Foto vom Schrein zum Neujahrsbeginn hochgeladen.

Krass, oder? Am Tag, als ich dort war, waren nur wenige Leute da und die allerwenigsten haben sich auf den Weg gemacht, die Schreine, die auf den drei höchsten Punkten liegen, zu besuchen. Ich bin den gesamten Weg um den Berg herum gegangen und kann nur sagen, dass es fantastisch war. Wer mal in Kyoto sein sollte, der MUSS sich diesen Ort anschauen!
Im Bild unten in der Mitte ist der Haupteingang und der Hauptteil des Schreins zu sehen, und wie ihr erkennen könnt, führen Pfade auf den Berg, die von zahllosen torii gesäumt sind.
Die schwachen Fotos können die Atmosphäre auch nicht so richtig wiedergeben. Ich habe in der Galerie noch ein paar Fotos mehr untergebracht und zusätzlich noch drei Videos gemacht. Da der Sensor der Kamera nicht sonderlich lichtstark ist, müsst ihr die Helligkeit eures Bildschirms oder des jeweiligen Videoplayers erhöhen. So könnt ihr mehr erkennen.
Video: Inari: Friedhof? Ganz oben angekommen? (14 MB)
Video: Inari: Unheimlich! (11 MB)
Video: Inari: Abstieg und torii, torii (8 MB)
Obwohl es immer stärker regnete und ich am Ende ziemlich durchnässt war, kehrte ich völlig zufrieden zum Bahnhof zurück, weil der gesamte Schrein so beeindruckend war. Sebimaru, ich hab an dich und dein Foto gedacht. Nächstes Mal machen wir das zusammen, ne?
Mit nassen Füßen, gemein viel Gepäck und bei Regen, der nicht enden wollte, machte ich mich dann auf zu meinem ryokan, was ich nach einer kurzen, aber frustrierenden Irrwanderung durch dunkle, japanische Nachbarschaften fand. An dieser Stelle noch ein großes Lob und Danke an Taniguchi-san, der Besitzer des ryokan und mit Sicherheit einer der nettesten Menschen der Welt.
Weitere Einträge werden folgen, aber momentan habe ich nicht so viel Zeit und deshalb werde ich nicht ganz so viel schreiben, habe dafür aber umso mehr Fotos mit Erläuterungen in die Galerien gepackt. Viel Spaß damit.























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