Wie ich schon geschrieben habe, war es zu einer Wiedervereinigung des dynamischen Sightseeing-Duos gekommen! Yvonne kam für einen Kurztrip aus Sapporo vorbei und wir gingen wieder gemeinsam auf Tour, wie schon in Nikko und Tokyo zuvor. Angefangen haben wir mit einem Besuch beim Kamigamo-jinja, der zweite Teil des Kamo-jinja. Den anderen Teil, Shimogamo-jinja, hatte ich am Vortag noch alleine besucht. Der Kamigamo-jinja ist laut der Webseite der älteste Schrein in Kyoto und seine Gründung datiert ungefähr 100 Jahre vor der des Shimogamo-jinja. Er befindet sich ebenfalls auf der Liste der UNESCO Weltkulturerbestätten. Was mir bei den meisten Schreinen, so auch beim Kamigamo-jinja, auffällt, ist, dass die Einbettung in die umliegende Natur meist harmonischer wirkt, als es bei vielen buddhistischen Tempeln der Fall ist. Vielleicht gefallen sie mir deshalb so gut.
Guten Morgen! Ganz schön dunkel, ne? Ja, das Wetter schien es nicht so gut mit uns zu meinen, denn schnell zogen dunkle Wolken auf.
Tatezuna im Kamigamo-jinja. Auf diese konischen Hügel, die die Berge hinter dem Kamigamo-jinja symbolisieren, sollen Gottheiten herabsteigen.
Ema im Kataoka-jinja, ein Nebenschrein des Kamigamo-jinja. Hier bittet man darum, einen Partner zu finden bzw. die/den Auserwählte/n an sich binden zu können. Yvonne hat dort Zeit und Geld investiert, während ich das mal geskippt habe
Die meisten Schreine besitzen eine Atmosphäre, die Naturverbundenheit ausdrückt. Der Kamigamo-jinja bildet da keine Ausnahme.
Dem geneigten Marathon-touristen wird in Kyoto ordentlich unter die Arme gegriffen, und zwar in Form des Tagestickets für die örtlichen Busse. Für 500 Yen kann man den ganzen Tag hin und her kurven, was Yvonne und ich voll ausgenutzt haben. Obwohl ich den Kinkaku-ji bzw. Rokuon-ji schon gesehen hatte, zahlte ich die 400 Yen Eintritt gerne noch mal. Dieses Mal war wieder die Hölle los! Touristen drängten sich in Massen auf dem Gelände, was in Warteschlangen vor dem “scenic spot” resultierte, da jeder ein Foto von sich vor dem goldenen Pavillion haben wollte.
Auch ich wartete artig, bis ich an der Reihe war. Die Aufschrift auf meinem Fächer würde zwar Gegenteiliges vermuten lassen, aber die ist so etwas wie das Gegenstück zu Shirts mit der Aufschrift “Zicke”, nur dass die Aufschrift auf meinem Fächer - der ein Geschenk ist (danke, Tomoko) - folgendes bedeutet: 不良中年, gelesen furyou chuunen, “Rowdy im mittleren Alter” “Tunichtgut mittleren Alters”. Tomoko fand das lustig und treffend; ich finde es zumindest lustig
Vor dem Kinkaku-ji erhielt Yvonne wieder eine willkommene Gelegenheit, Spott über mich ergehen zu lassen, da mich mal wieder eine Schulklasse ansprach, um Fotos mit mir zu machen bzw. eine Umfrage durchzuführen. Wieder interessierte man sich für meine Gedanken zum Thema Frieden, worauf ein kurzer Plausch über Hobbies und favorisierte Sportarten folgte. Rührend war, dass die Kids noch winkend neben dem Bus liefen, als dieser bereits losgefahren war hehe.
Fragestunde mit Wolle.
Next stop: Ryoan-ji. Auch den hatte ich bereits besucht, aber was soll’s. Ein Weltkulturerbe kann man sich ruhig zwei Mal anschauen. Der Kölner Dom beeindruckt ja auch jedes Mal aufs neue. Wie schon im Kinkaku-ji war es hier brechend voll…dieses Mal konnte man sich entspanntes Liegen auf den Holzplanken abschminken, was man auf dem Foto gut erkennen kann.
Der Steingarten bleibt in seiner schlichten Schönheit davon aber unberührt.
Dieses Mal tauchte Co Bao am Treffpunkt auf!
Auch nach dem zweiten Besuch bleibt die Empfehlung bestehen: der Ryoan-ji rockt. Bei meinem ersten Trip in diesen Bereich Kyotos war ich spät dran, verpasste somit den Zugang zum benachbarten Ninna-ji, was Yvonne und ich aber jetzt nachholen wollten. Blöd war, dass wir durch den plötzlich stark werdenden Regen gezwungen waren, uns trotz der mitgebrachten Regenschirme erst mal unterzustellen. Der Ninna-ji ist ein weiterer der insgesamt 17 Orte mit Weltkulturerbestatus, überraschenderweise sogar ohne Eintrittsgebühr! Wenn man durch das imposante Nio-mon das Gelände dieses wichtigen Tempel des Shingon Buddhismus betritt, sieht man erst mal, wie groß und weitläufig er angelegt ist. Den Eintritt für den Garten bzw. den Palast haben wir uns gespart, den Gang über den gesamten Rest des Tempelgeländes trotz des Regens nicht.
Das imposante Nio-mon und das nationale Kulturgut, Kon-do. Das Nio-mon gehört zu den größten in Kyoto und hat seinen Namen von den beiden Königen, Nio, die meine favorisierten Wächtergottheiten sind. Wegen des anhaltenden Regens verirrten sich nur wenige Touristen in das weitläufige Gelände. Auch Yvonne und ich hielten es nicht sooo lange aus, weil es angenehmeres gibt, als sich vollregnen zu lassen, selbst für Hardcore-Touristen wie uns. Der Bus brachte uns zum Kitano-Tenman-gu, seines Zeichens der Hauptschrein aller Tenman-gu, in denen Sugawara no Michizane bzw. er in deifizierter Form als Tenjin eingeschreint ist. Für die, die nicht auf die Links klicken wollen, eine kurze Erklärung: Sugawara no Michizane (bzw. Tenjin), dessen Geschichte wirklich interessant ist, gilt in Japan als kami (Gottheit) der Gelehrsamkeit, Kalligraphie und als Schutzgottheit der Gelehrten und Schreiber. Aus diesem Grund beten in Tenman-gu vor allem Schüler und Studenten um erfolgreiche Teilnahme an Aufnahmeprüfungen oder generell für Prüfungen.
Yvonne und ich legten einen Zwischenstopp in einem Restaurant ein, um dem fiesen Regen zu entkommen. Aber statt nachzulassen, wurde der Regen nur noch stärker. Zusammen mit Schulklassen stellten wir uns unter, warteten eine Regenpause ab und vertrieben uns die Zeit damit, Mücken kaputt zu schlagen.
Ja, es hat krass geregnet.
In einer Regenpause ging es fix zur Haupthalle, wo Schüler und Schülerinnen brav für Erfolg in der Schule beteten. Hehe, an dem Schrein habe ich mich auch mal verbeugt
Eine Schulklasse saß in der Haupthalle, wo ein Shintopriester für sie betete. Gut fand ich den Satz des Priesters, als er für die ichinensei der Grundschule, also für die i-Männchen, betete und den Rat erteilte, “jaa, ichinensei, ganbatte kudasai”. Jo, sind ja nur 12 Jahre, die sie durchhalten müssen
Bei der Menge an Schülern, die vermutlich alltäglich durch den Schrein geschleust wird, fleißig ema schreibt und omamori sowie omikuji kauft, muß es dem Schrein eigentlich ziemlich gut gehen. Da wird viel Geld mit Angst gemacht!
Sorry Andi, sie wird nicht über 18 sein.
Weiter ging es mit dem Tenryu-ji, der einer der Haupttempel des Rinzai Buddhismus ist, zudem der Tempel im obersten Rang des Gozan Systems von Kyoto, UND - wer hätte das gedacht - Weltkulturerbe ist. Berühmt ist er vor allem für seinen herausragenden Garten, der seine jetzige Form bereits seit dem 14. Jh. bewahrt hat. Zack, wieder 500 Yen weg, aber auch dieses Mal waren die prächtig investiert, ist der Garten doch einer der besten, wenn nicht der beste, den ich bisher gesehen habe. Yvonne und ich haben uns einen ungünstigen Zeitpunkt für einen Besuch ausgesucht…natürlich sieht im Frühling und vor allem im Herbst hier alles unfassbar prächtig aus, aber auch im Sommer kann man hier eigentlich ajisai bewundern, nur waren wir dafür zu früh dran. Egal, der Tempel und sein Garten bekommt unser beider Gütesiegel.
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt des Gartens, der sich noch deutlich weiter in den Berg hinein ausdehnt. Richtig gut war der Bambuswald, Sagano, der unmittelbar angrenzt. “Richtige” Bambuswälder gibt es nur noch wenige in Japan, vor allem solch schöne eher selten. Die gesamte Gegend hier wird Arashiyama genannt, bietet noch deutlich mehr Attraktionen, nur muss man bei einem Zeitraum von 5 Tagen für eine Stadt wie Kyoto Abstriche machen…es ist schlicht unmöglich, alles zu sehen, nicht zuletzt deshalb, weil die Öffnungszeiten der verschiedenen Sehenswürdigkeiten die Sightseeing-Touren noch erschweren und zwangsweise verkürzen. Als wir uns auf den Rückweg zum Bahnhof machten, hatten die meisten Tempel geschlossen, deshalb fuhren wir zu einer urbanen Sehenswürdigkeit, das Stadtviertel Gion.
In Gion kann man an verschiedenen Stellen einen Eindruck davon bekommen, wie es in Kyoto vor langer Zeit ausgesehen haben muss, da viele alte Häuser erhalten sind. Die Ponto-cho, eine kleine, enge Straße, in der sich Restaurants und Teehäuse aneinander reihen, beleuchtet durch die charakteristischen Laternen, ist sehr sehenswert und vermittelt gerade am Abend eine besondere Atmosphäre. Auch die anderen Bereiche von Gion wissen sehr zu gefallen. Entlang der Hauptstraße, Shijo-dori, findet man sehr viele Geschäfte, die hochwertige Handwerkskunst anbieten, beispielsweise Kimonos, Papier oder berühmte (und teure) Kosmetika. Gion ist zudem das Zentrum der japanischen Geisha Kultur und tatsächlich habe ich sogar eine sehen können, wie sie sich mit ihrer Gehilfin auf den Weg in ein Teehaus machte. Schusselig wie ich bin, habe ich nur gegafft, anstatt sie um ein gemeinsames Foto zu bitten oder sie wenigstens alleine zu fotografieren
Die Restaurants und Teehäuser in dieser Gegend sind teilweise unglaublich teuer, was einem beim Blick auf den Aushang schon mal leicht verdutzen kann. Bei den ganz edel aussehenden Orten hängt erst gar kein Menü oder eine Preistafel in irgendeiner Form aus…sicher nicht ohne Grund. In solch ein Lokal ist die Geisha auch verschwunden, Chance verpasst! Wer es lieber etwas “entspannter” bzw. preiswerter mag, dem wird hier aber auch fündig. Ein paar Restaurants erscheinen ausländischen Gästen gegenüber besonders offen zu sein, was angesichts der Vielzahl der Ausländer nicht weiter verwunderlich erscheint. In Gion sieht es z.B. so aus:
Oben ist die Hauptstraße zu sehen, während das untere Bild eine etwas abgelegenere Nebenstraße zeigt, in der sich die besonders brutal teuren Läden und die besonders brutal hübschen Frauen befanden. Fotos gibt es von denen nicht, Andi, weil letzten Endes doch so etwas wie Schamgefühl in mir verblieben zu sein scheint
Weitere Impressionen…auf dem untersten Foto ist die Ponto-cho zu sehen.
Zum Abschluß des Tages haben wir noch einen Blick auf den Yasaka-jinja geworfen, der auch mal Gion-jinja genannt wurde und so etwas wie der Schutzschrein von Gion ist.
Damit neigte sich ein weiterer Tag in Kyoto seinem Ende zu. Flip-Flops sind noch immer keine Wanderschuhe, festes Schuhwerk bei dem Regen, verbunden mit relativ warmen Temperaturen, keine Alternative…eine Fußmassage würde jetzt wahrscheinlich meinen Kopf explodieren lassen. Kyoto ist eine tolle Stadt.


























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