Archiv für 8. Juni 2008

Für heute stand ein weiteres der bekanntesten Postkartenmotive Japans auf dem Programm, Himeji-jo. Der ein oder andere wird das Motiv der weißen Burg vor einem kontrastierend blauen Himmel bestimmt schon mal gesehen haben. Natürlich ist auch diese sehr gut erhaltene Burg Weltkulturerbe, repräsentiert sie doch die Spitze der japanischen Burgbaukunst und blieb weitestgehend im Originalzustand, trotz Bombardierung im 2. WK. Klar, dass Yvonne und ich uns das anschauen mussten. Schon von weitem kann man die Burg erkennen, wie sie über dem ansonst flachen Stadtgebiet von Himeji thront. Es ist schon ein toller Anblick, wenn man die mehrspurige Hauptstraße entlang geht und den ca. 46 Meter hohen Hauptturm, der wiederum auf dem 46 Meter hohen Himeyama steht, immer größer wird. Zur Geschichte könnt ihr entweder durch Klick auf den oberen Link mehr erfahren (inkl. virtuelle Tour), oder natürlich hier.

Die Tour durch die Burg war interessant, informativ und vor allem erfrischend, denn draußen herrschte eine fiese Hitze. Da war man für den kühlen Holzboden unter den Füßen dankbar. Fotos habe ich viele gemacht, daher an dieser Stelle nur ein paar repräsentative Eindrücke:

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Schon aus großer Entfernung ist der Hauptturm der Burg auf dem Himeyama zu erkennen.

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Ist sie nicht ein Prachtstück?

Aber wie gesagt, weitere Fotos, Detailaufnahmen usw. gibt es in der Galerie, nur auf eine Besonderheit möchte ich noch hinweisen, weil es eine interessante Geschichte ist. Der folgende Brunnen wird Okiku-ido genannt.

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Okiku-ido deshalb, weil sich eine sehr bekannte japanische Geistergeschichte darum dreht, wie man hier nachlesen kann. Ich fühlte mich spontan an Sadako aus “Ringu” erinnert. Ich meine auch, dass Luki damals, als er in Japan war, auch am gleichen Ort war und auch ein Foto gemacht hat. Lustig, ne, Luki? Bei mir hat es nur ein bissl länger gedauert, aber gesehen habe ich es auch \o/. Für eine Besichtigung des Gartens hat es nicht mehr gereicht, weil Yvonne und ich uns so viel Zeit bei der Besichtigung der Burg gegönnt haben. Yvonne musste zurück nach Osaka, um ihren Flieger von KIX aus nach Sapporo zu bekommen, also ging es zurück zum Bahnhof. Time to say goodbye, Henry! Denkste, denn dank einer unendlich optimistischen Zeitplanung, die eher zu mir gepasst hätte, verpasste Yvonne ihren Flieger. Macht ja nix, sind ja nur 35000 Yen ;-).

In der Zwischenzeit, also bis Yvonne wieder vom Flughafen zurück zu unserem Hotel fuhr, habe ich mich in der Nachbarschaft des Hotels umgeschaut und einen krassen Stadtteil Osakas entdeckt, Shinsekai genannt, was so viel wie “neue Welt” bedeutet. Der Name passt mal SO GAR NICHT zu dem Stadtteil, denn der ist alles andere als neu und modern. Der ganze Stadtteil wirkt so, als wäre die Zeit dort stehen geblieben und ich habe mir erlaubt dafür dieses Wort zu kreieren: Großstadtromantikendzeitmix. Was kann man sich darunter vorstellen? Fangen wir bei dem “Festival Gate” an: Festival Gate ist der Name eines Komplexes, der als eine Mischung aus Vergnügungspark, Einkaufszentrum und Freizeitbereich den Versuch darstellte, einem Stadtviertel, das ziemlich runtergekommen war, neues Leben einzuhauchen und neue Besucherschichten anzulocken. 1997 eröffnet, ging die Betreibergesellschaft 2004 bankrott , Festival Gate wurde geschlossen und der Verrottung preisgegeben. Dass das Teil keinen Erfolg hatte, wundert mich nicht im geringsten, denn alles daran ist hässlich. Als ein Mahnmal für schlechte Stadtplanung, hässliche Architektur inkl. unsäglicher Farbgebung fristet es heute sein Dasein als Großstadtruine und Millionengrab. Trostlosigkeit ist das Wort, das mir sofort in den Sinn kam, und das ALLERTROSTLOSESTE, was ich je gesehen habe, ist, dass eine einzelne Eisdiele/Creperia dort noch geöffnet hat! Es war _niemand_ außer mir in dem Komplex und in dem Laden saß die Bedienung, den Kopf zum Studium einer Zeitung in selbige versenkt. Ganz krass…

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“Festival Gate”…neee du, wat een Festiwall wa?

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Übel, oder?

Ich habe es gerade noch so geschafft, die Rasierklinge von meinen Adern fernzuhalten (remember kids, it’s down the lane, not across the street!) und nicht von der Trostlosigkeit überwältigt zu werden, hehe, aber auch nur deshalb, weil ein paar Meter weiter der eigentliche Bereich der Shinsekai beginnt. Von dort drang Lärm und leckerer Geruch frischen Grillguts zu mir herüber, weshalb ich die Rasierklinge einem staunenden Kind (Ohh…ein Ausländer!) zum Spielen schenkte. Shinsekai ist schwer zu beschreiben…das Viertel “genießt” einen ausgesprochen schlechten Ruf, weil es mal so etwas wie ein Hort der Kriminalität war, vielleicht einer der wenigen Orte in Japan, die so etwas wie “unsicher” waren, zumindest nach japanischem Standard, der ein völlig anderer ist als unserer. Die über 100-jährige Geschichte des Stadtviertels mit dem Tsutenkaku Turm als Wahrzeichen zeigt, das trotz vieler Versuche, diesen Stadtteil zu so etwas wie einem modernen Zentrum zu machen, diese Versuche nicht von Erfolg gekrönt waren. Die Webseite des Viertels ist auf jeden Fall einen Besuch wert und vermittelt tolle Informationen zu Geschichte und gegenwärtigem Angebot, auch wenn sie nicht immer aktuell ist, was wiederum ganz hervorragend zu dem Charakter des Viertels selber passt. So wird z.B. nicht erwähnt, dass “Festival Gate” geschlossen ist :-D

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Die Gassen sind von einer besonderen Energie erfüllt.

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Fugu, Kugelfisch, ist eine Spezialität in diesem Viertel, wie man unschwer erkennen kann.

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Der Tsutenkaku Turm.

Lauter kleine und große Restaurants, die vor allem Spezialitäten wie Fugu oder Kushi-katsu servieren, teilen sich den begrenzten Platz mit Clubs, in denen shogi (eine Art japanisches Schach) gespielt wird, oder uralten Pachinko Hallen, in denen noch auf klassischen Maschinen gespielt wird. Direkt daneben kann man Friseurläden finden, die einen Haarschnitt für 600 Yen anbieten, und gleich um die Ecke gibt es das coolste Kino der Welt, in dem alte Samurai- und Gangsterfilme der 50er bis 70er Jahre gezeigt werden…und natürlich Pornos aus der gleichen Epoche…vielleicht auch welche neueren Datums. Ich hätte mir sehr gerne den Musashi Film angesehen, aber mangelnde Zeit und die Vorstellung dessen, was die relativ große Anzahl an alten Herren, die gerade eine Pornovorstellung verließ, dort wohl getrieben haben, hinderten mich daran, das Kino zu besuchen. Bilder habe ich aber dennoch ein paar gemacht:

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Cooles Kino mit allem, was die Welt so braucht: Samurai, Schwertkampf, Gangster, Gewalt, Drogen, Sex.

Der krude Stilmix spiegelt den Charakter des Viertels ziemlich gut wieder. Geht man um die nächste Ecke, findet man ein paar Theater, weitere Restaurants, eine überdachte “Markthalle”, in der die vielen Lebensmittelläden einen gewöhnungsbedürftigen Geruch verbreiten und die Angestellten sicherlich nicht mit Einweghandschuhen die Ware anfassen :-) Im gesamten Viertel wird Alkohol auf offener Straße konsumiert, was ich so bisher noch nicht gesehen hatte, und zwar nicht nur von Obdachlosen, sondern auch von jungen Vätern, die ihr Kind im Kinderwagen vor sich her schieben und die lockere, ungezwungene Atmosphäre, die ich so in Japan noch nicht erlebt habe, zu genießen schienen. Ich könnte mich täuschen, aber in einer Ecke hatte ich auch den Eindruck, dass die zwei Damen mich offensiver angegrinst haben, als es sonst der Fall war…vielleicht habe ich so etwas wie Prostituierte gesehen. Der gemeinsame Nenner in Shinsekai scheint eine Art Patina zu sein, die an allen Gebäuden klebt und unmissverständlich zeigt, dass Dinge vergänglich sind. Selbst neuere Pachinko-Hallen oder Convenience Stores bleiben davon nicht verschont. Ach ja, gut übrigens, dass ich die Rasierklinge dem Kind gegeben hatte, denn nach dem “Festival Gate” kam der Overkill an Trostlosigkeit schlechthin, der Tenno-ji-Zoo, der an Shinsekai angrenzt. Seine wunderschön idyllische Lage unterhalb einer Autobahnbrücke bietet folgenden Anblick:

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Herrlich! Da geht man doch gerne mit der Familie Sonntags auf einen Spaziergang hin! Ich machte mich schnell auf die Suche nach dem Kind mit meiner Rasierklinge, weil das Gescheuere mit den Stäbchen, die ich zu meinem Sushi im Convenience Store bekommen hatte, auf meinem Arm zu lange dauerte.

Die einzigartige Atmosphäre mit der nicht definierbaren Mischung aus Trostlosigkeit, vibrierender Energie, traditioneller japanischer Kultur und unterschiedlichem Publikum macht Shinsekai aber definitiv empfehlenswert…auf eine merkwürdige Art und Weise. Großstadtromantikendzeitmix eben.

Kurz danach traf ich Yvonne in unserem Hotel wieder. Zusammen machten wir die Reise in einen Teil Osakas, der die Bezeichnung shinsekai wohl eher verdienen würde. Das futuristische Umeda Sky Building, das den Stadtteil Umeda in der Nähe des Hauptbahnhofs mit seiner bemerkenswerten Erscheinung dominiert, sieht wie ein getunter La Grande Arche aus, sozusagen La Défense im “The Fast And The Furious”-Stil. Das nicht unumstrittene Design beeindruckte mich sehr, vor allem zu der Zeit, als Yvonne und ich dort waren, nämlich am späten Abend bzw. in der Nacht. In 173 Meter thront die Aussichtsplattform, “Floating Garden Observatory” genannt, von der aus man einen - je nach Wetter - wahnsinnig tollen Blick über die Stadt genießen kann, sei es auf Sonnenaufgang, Sonnenuntergang oder das Lichtermeer in der Nacht. Der Brunnen unterhalb des Gebäudes ist dank seines Farbspiels ebenfalls erwähnenswert. Dass die Atmosphäre auf dem Dach des Gebäudes super ist, muss ich eigentlich nicht erwähnen. Der Boden des Observatoriums ist mit einem Sternenhimmel bemalt, der durch die Bestrahlung mit UV-Licht leuchtet, was den ohnehin tollen Anblick des “Sternenhimmels” der Großstadt unter uns noch mal verstärkte. Wenn es nach mir ginge, wäre es in Osaka und Tokyo immer Nacht, denn es sieht einfach zu cool aus.

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Die Farben dieses Brunnens wechselten ständig, was dem Platz ein berauschend schönes Leuchten verlieh. Auf der unteren Ebene befindet sich eine kleine grüne Oase inmitten des Brunnens, umgeben von Restaurants und Cafés.
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Schaut man vom Brunnen nach oben, dann BAM!! Das Umeda Sky Building ist - besonders abends - ein geiler Anblick.

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So sieht der Boden des “Floating Garden Observatorium” aus.

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Es gibt Orte, an denen es immer Nacht sein sollte.

Unterhalb der Aussichtsplattform gibt es eine weitere Gelegenheit, einen Blick auf die Stadt zu werfen. In einzelnen Rundsesseln, die in einigem Abstand zu einander platziert sind, kann man Platz nehmen und durch Fenster nach draußen schauen. Großstadtromantik, würde ich mal so sagen. Auf dem gleichen Stockwerk gibt es noch eine Ausstellung, die über den Bau des Umeda Sky Buildings sowie das generelle Bestreben der Menschheit, hohe Gebäude mit dem Ziel zu bauen, dem Himmel nah zu sein, informiert. Leicht verklärt erscheint mir diese Sicht der Dinge, aber genau das macht die Ausstellung so interessant, ebenso wie die Einbeziehung antiker Bauwerke, wie der Turm von Alexandria. Ein kleiner Schauer lief mir den Rücken hinunter, weil das World Trade Center ebenfalls in dieser Liste vorhanden ist.

Außer Büros befinden sich in dem Gebäude noch Kinos für anspruchsvolle Filme, sozusagen art house cinema, sowie im Kellergeschoß eine Reihe von Restaurants, die in einer Nachbildung einer Straße der frühen Showa-Zeit beheimatet sind…abgefahren.

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Die Rundsessel mit Blick auf die Stadt.

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Hier seht ihr den Restaurantbereich im Keller des Gebäudes, nachempfunden einer Straße der frühen Showa-Zeit.

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Hier noch Familie Wolle beim Ausflug.

So, mit dem letzten Zug sind wir zurück zum Hotel gefahren.

Gute Nacht.

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