Gestern noch in Osaka, heute schon in Hiroshima. Mittlerweile habe ich schon ein paar Tausend Kilometer auf dem immer größer werdenden Reisebuckel. Meine Planung für die letzten Wochen des Japanaufenthaltes sehen vor, dass ich ungefähr drei Wochen bei den Eltern von Shiho verbringen werde, in einem kleinen Ort namens Kurose, der ungefähr 40 Minuten mit dem Auto von Hiroshima entfernt ist, bevor ich noch einmal nach Tokyo fahren werde, wo ich meinen Bruder Frederick treffen und mit ihm die Stadt unsicher machen will.
Früh morgens kam ich in Hiroshima an, völlig gerädert von der Fahrt, weil neben mir im Bus ein dicker, schwitzender und schnarchender Japaner saß, der sich sogar auf ein Armlehnenduell einließ! Tja, dumm nur, dass gegen Kraft und angewandte Physik auch übermäßige Fettleibigkeit nichts ausrichten kann…die Armlehne gehörte mir. Dafür beschwerte sich der Spacko, dass mein Nintendo DS zu hell sei, er deshalb nicht schlafen (schnarchen) könne und ich ihn bitte ausstellen solle. Die beiden Busfahrer bekamen das irgendwie mit und in der nächsten Pause sprachen sie mich darauf an, wobei der lustigere der beiden ausgeprochen witzigen Gesellen mir riet, “urusai!” zu rufen und ihm den Ellbogen ins Gesicht zu rammen.
Die Begründung dafür war gleichermaßen witzig wie Besorgnis erregend, denn einerseits erinnerte der Busfahrer mich an die alte Freundschaft zwischen Deutschland und Japan zur Zeit des Krieges (mal wieder), dass ja auch die japanischen Flugzeuge damals die tollen Motoren von Messerschmidt bekommen hätten usw. Danach meinte er, dass ja Japan das ängstlichste und feigste Land der Welt sei, direkt dahinter Deutschland. Aus diesem Grund könne ich dem fetten Typen im Bus auch ruhig eine reinhauen, er würde eh nichts machen! Überhaupt, Japan und Deutschland ließen sich ja alles sagen, vor allem von den USA, dieses imperialistische Ungetüm! Es sei an der Zeit, wieder mal dagegen aufzubegehren, so wie seinerzeit der Kaiser und Adolf! Die nächsten Pausen verbrachte ich nicht mehr in der Nähe der lustigen Gesellen, wobei mich die Gestik eines Ellbogenstoßes zusammen mit einem aufmunternden Nicken seitens des Busfahrers jedes Mal wieder zum lachen brachte.
Angekommen!
Ich war nach der Busfahrt müde, also schleppte ich mich mit meinem Gepäck nur in die “Hiroshima International Exchange Lounge”, wo ich sitzen und lesen konnte, bis ich zum verabredeten Zeitpunkt an der vielleicht bekanntesten Sehenswürdigkeit Hiroshimas, A-Bomb Dome, erscheinen musste.
Herr und Frau Moritaka, ich.
Die Moritakas haben mich direkt zum Essen eingeladen, schließlich sollte ich eine der Spezialitäten Hiroshimas kennenlernen, okonomiyaki. Ich muss gestehen, dass Hiroshima-okonomiyaki den Kansai-okonomiyaki derbe überlegen sind. Wir waren in einem Haus, in dem es auf mehreren Stockwerken nur okonomiyaki-Restaurants gibt, die um die Kundschaft buhlen. Ein toller Start in den Aufenthalt, Verdauungsstarre inklusive. Für einen Verdauungsschlaf blieb aber keine Zeit, schließlich wurde Programm gemacht. Auf dem Weg von Hiroshima nach Kurose kamen wir durch das Städtchen Kumano, das einer der weltweit bekanntesten Orte für die Herstellung von fude (Pinsel) ist.
Im Fudenosato Kobo kann man verschiedene Ausstellungen rund um das Thema japanische Pinsel anschauen, nach Herzenslust Pinsel einkaufen, oder sich in Kalligraphie versuchen, so wie ich das auch gemacht habe. Ich konnte mir auch anschauen, wie die Pinsel in Handarbeit hergestellt werden, was mir einen kleinen Schauer den Rücken hinunter jagte. Die Hand der Frau, die seit Jahrzehnten Pinsel mit den immer gleichen Handbewegungen fertigte, sah auf dem Handrücken aus wie die Hand einer alten Frau, aber die Innenseite war durch die Arbeit so glatt, dass ich den Eindruck hatte, sie habe keine Fingerabdrücke mehr. Krass sah das aus.
Ja, meine Füße sind dreckig…das lag an den Flip-flops
Weitere Eindrücke sind in der Galerie zu sehen.
Danach ging es weiter nach Kurose zum Haus der Moritakas. Ab hier werde ich mich kürzer fassen, weil ich in den drei Wochen viel gemacht habe und es zu lange dauern würde, alles aufzuschreiben. Deshalb beschränke ich mich nur auf die “wichtigsten” Sachen. Zuerst ein paar Worte zu den Moritakas, die eigentlich schon so etwas wie ein Fazit sind: Heimat fern der Heimat. Die Art und Weise, wie Shihos Eltern mich bei sich aufgenommen haben und die Freundlichkeit, mit der die gesamte Familie und ihre Freunde mir begegnet sind, ist ohne Beispiel. Eine derartige Gastfreundlichkeit habe ich noch nicht erlebt…ich weiß nicht, wie ich mich dafür jemals angemessen bedanken könnte.
Vom ersten Moment an habe ich mich als in die Familie integriert gefühlt und lauter verschiedene Sachen mit ihnen gemacht, zu denen ich sonst wohl nie die Möglichkeit gehabt hätte. Sie haben mir die Gegend in und um Kurose herum gezeigt, eine ländliche Gegend mit vielen Reisfeldern, Bergen und einer schönen Küste entlang der setonaikai. Ich habe gesehen, wie man soba herstellt, habe mit japanischen Grundschulkindern Getreide geerntet, bin mit Freunden und Verwandten der Moritakas oft essen gegangen, und so weiter…über einen Mangel an Abwechslung konnte ich mich sicher nicht beklagen. Hier mal ein paar Beispiele:
Kodama-sensei, der eine Ausstellung hatte, die Frau Moritaka und ich uns angeschaut haben. Das Bild gefiel mir von den gezeigten Werken am besten. Tee und Gebäck gab es auch noch dazu, wobei mir besonders der Name “Backen Mozart” gefiel. Hier ihre Philosophie:
Toll, ne?
Sonnenuntergang in Kurose.
Der Blick vom Mt. Noro auf die setonaikai.
Frau Moritaka macht soba.
Japanische Schulkinder lernen, dass Essen nicht in Supermarktregalen wächst. Wolle-sensei ist mit dabei!
Einen Besuch in einer Mittelschule habe ich auch noch gemacht. Nach einer kurzen Vorstellung habe ich mit den Schülern und Schülerinnen geredet…die Jungs wollten sich im Armdrücken gegen mich beweisen, während die Mädels nur gekichert haben. Aus irgendeinem Grund haben sie auch angefangen, mir Geld zu schenken, aber ich bestand darauf, dass sie mit ihrem Namen auf jeder Münze unterschreiben.
Alle waren sehr nett zu mir und überhaupt hat es Spaß gemacht.
Ein besonders leckeres Essen gab es auch noch, wenn auch aus eher traurigem Anlass. Die überaus nette Chie wird nämlich für die nächsten zwei Jahre in Nicaragua Entwicklungshilfe leisten und aus diesem Grund gab es ein Abschiedsessen mit der gesamten Familie. Eine feucht-fröhliche Veranstaltung mit akutem food coma bei mir!
Chie liest gerade den Brief, der von Shiho aus Deutschland geschickt wurde.
Gott war das lecker, Gott sind die Leute freundlich gewesen. Danke, Kohei, Akemi, Tadashi und all ihr anderen! Ihr seid die Besten!
Das war nur ein kleiner Teil der vielen coolen Erlebnisse, die ich da bisher hatte. Richtig wohl fühlte ich mich bei den Moritakas, wie man anhand der anderen Bilder unschwer erkennen kann.

















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