Viel zu schnell vergeht die Zeit hier in Kurose! Der Zeitpunkt der Rückkehr nach Deutschland rückt immer näher, doch vor der Heimkehr war noch ein Homerun der anderen Art angesagt: Baseball! Baseball gehört zu den beliebtesten Sportarten in Japan und auch ich wollte unbedingt mal ein Spiel im Stadion anschauen. Zusammen mit Herrn Moritaka und Sono bin ich ins altehrwürdige Hiroshima Stadion gegangen, um einem Spiel der Hiroshima Toyo Carp gegen die Yomiuri Giants beizuwohnen. Zuvor hatten wir uns noch den Film Yasukuni angeschaut, um den es in Japan sehr viel kontroverse Diskussionen gab, teilweise Kinos sogar die Aufführung absagten, weil sie Angriffe ultra-nationalistischer Elemente fürchteten. Wie ich im Eintrag über meinen Besuch im Friedenspark von Hiroshima schon geschrieben hatte, scheint es in Japan Probleme mit der Verarbeitung bzw. bereits dem bloßen Eingeständnis bestimmter Punkte der eigenen Geschichte zu geben, Stichwort Nanking, Korea und so weiter. Der Film hat für mich persönlich zwar keine neuen Erkenntnisse bezüglich der Problematik um den Yasukuni-Schrein gebracht und auch die Proteste seitens verschiedener Politiker und Ultra-Nationalisten waren so überraschend wie ein Sonnenaufgang, aber polemisch möchte ich an dieser Stelle nicht werden. Wer Interesse an der Geschichte des Yasukuni-Schreins und der Diskussionen um ihn hat, sowie sich ein eigenes Urteil bilden möchte, der kann den Wikipedia-Artikel lesen, bei dem vor allem die weiterführenden Links interessant, wenn auch nicht erschöpfend sind.
Hier noch ein paar Seiten, die Informationen zu dem Film und Interviews mit seinem chinesischen Regisseur beinhalten.
Wikipedia Artikel zum Film
Interview mit Regisseur Li
Japan Times Artikel zum Film
Starker Tobak, wenn man sich damit beschäftigt, aber nicht das, wonach mir der Sinn stand. Man möge es mir verzeihen, aber Baseball und Bier übten deutlich mehr Anziehungskraft auf mich aus
Das letzte Mal, dass ich in einem Stadion war, liegt schon Ewigkeiten zurück…es müsste 1991 gewesen sein, beim 2:3 von Dortmund gegen Bayern hehe (Fabian, du Fußball-Nerd!). Eigentlich unverständlich, denn die Atmosphäre in Stadien gefällt mir ganz gut, so auch beim Spiel der Carp gegen die Giants. Das Wetter sah zwar nach Regen aus, was aber den Fans den Spaß am Spiel nicht verleidete. Die Baseballregeln kannte ich, nicht aber die “Jubelregeln”, sprich die Rituale der Carp-Fans, wie jeder Spieler anzufeuern war, wann aufgestanden werden musste usw. Ich habe mich daher auf die einfachen Sachen beschränkt und überließ die komplexeren Sachen lieber Sono. Ab dem dritten Inning oder so war es eh egal, da ich mich darauf konzentrieren musste, eine Asahi Bier Pappunterlage als Dach zu benutzen, um mich vor dem Regen einigermaßen zu schützen. Zwecklos, denn die meisten Japaner hatten Schirme und Regencapes mitgebracht. Das Problem bei der Kombination von abschüssigen Zuschauerrängen und der Verwendung von Regenschirmen ist, dass das Wasser von den Schirmen der hinteren Ränge nach vorne abläuft, in diesem Falle von dem Schirm des Pärchens hinter mir auf meinen Rücken und in meine Hose. Die Entschuldigungen seitens des Pärchens kamen mir mindestens so ritualisiert vor wie die Gesänge im Stadion, nur deutlich leidenschaftsloser vorgetragen. Was soll’s, es war Regenzeit und deshalb nicht wirklich kalt.
Das Spiel anzuschauen hat ziemlich viel Spaß gemacht. Besonders die Gesänge der Fans und die friedliche Stimmung haben es mir angetan. Ein Baseballnachmittag ist hier quasi ein Ausflug für die ganze Familie, Picknick eingeschlossen. Die Carp holten einen Rückstand gegen die Giants auf, was für eine Party auf den Rängen sorgte, zumindest bis zum siebten Inning, in dem das Spiel wegen starken Regens beim Stand von 6 - 6 abgebrochen wurde. Regen hin oder her, unterhaltsam war es allemal, erst recht weil es die letzte Saison des alten Stadions ist, das einem modernen Neubau weichen muss.
Ja, am Ende hat es übel geregnet, weshalb sich auch der kleine Hardcore-Fan hier in den Katakomben versteckte, genau wie ich. Ein paar Videos habe ich auch noch gemacht. Für diejenigen, die Probleme beim Abspielen der Videos haben, hier noch mal der Hinweis auf den VLC Player, den man kostenlos herunterladen kann und der, wenn es auch nicht der beste Player am Markt ist, sicher 1000 Mal besser ist, als der Windows Media Player oder der Quicktime-Rotz von Apple.
VLC Player Download für Windows, MacOS, UNIX basierte Systeme und andere Frickel-OSs
Video: Ceremony of banging the plastic toys (5 MB)
Video: Homerun! Freude bei den Carp Fans (11 MB)
Video: Regen, verdammt! (9,5 MB)
Nach dem Spiel hätte ich noch die Möglichkeit gehabt, mit anderen Fans vor dem Stadion rumzulungern, um ein Autogramm zu erhaschen, doch ich bin leicht zu beeindrucken (nicht) und deshalb haben mir ein T-Shirt der Carp, ein Baseball und ein Lärminstrument als Mitbringsel gereicht. Witzig, so ein Stadionbesuch. Ein paar Tage zuvor war ich mit Sono schon mal in Hiroshima, da war aber Shopping angesagt. Eigentlich wollte ich nur Phantomshopping betreiben, nach dem Motto “das würde mir gefallen und sogar gut stehen, wenn ich Geld hätte und es kaufen würde”.
Eine Shoppingtour in Japan unterscheidet sich nach meinem Empfinden in vielen Punkten von einem Einkauf in Deutschland, von denen die zwei wichtigsten die folgenden sind: Service und Preis. Wenn man in Japan in ein Geschäft kommt, dann wird man von allen Angestellten freundlichst begrüßt, selbst in “coolen” Läden und Boutiquen, die Produkte gehobener Qualität und Luxusmarken verticken. Davon sollte sich das Verkaufspersonal in deutschen Läden in den meisten Fällen eine dicke Scheibe, am besten ein fettes Endstück, abschneiden, denn in Deutschland könnte man oftmals den Eindruck bekommen, dass das Verkaufspersonal Kundschaft gegenüber eine Mischung aus Langeweile und Arroganz demonstrieren muss, weil es ja selbst mindestens so hip, teuer oder obercool wie die im Geschäft angebotene Kleidung ist. Dabei kann man beobachten, wie eben jene Arroganz und Coolness proportional zum Image der angebotenen Marken zunimmt. Aber das ist ja auch klar, denn ist man im kik-Textildiscount schlicht Verkäufer(-in), so ist man im Armani-Laden um die Ecke bestimmt schon Shop Assistant Sales Compartment…oder so. Solch ein Verhalten wird man in geschätzten 97,489% der japanischen Geschäfte nicht ausmachen können, ganz im Gegenteil.
Der zweite wichtige Unterschied ist der Preis. In Deutschland habe ich in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass beispielsweise die Preise für Kleidung übel angestiegen sind. Sicher ist der Teuro dafür verantwortlich! Scherz beiseite, meine letzte Diesel-Jeans, für deren Kauf ich eigentlich einen Boxhieb verdient habe, hat 170€ gekostet. Vergleiche ich die Preise für unterschiedliche Produkte mit japanischen Preisen, liegen die deutschen Preise oftmals doppelt so hoch! Kameras, Konsolen, Kleidung, Schuhe…es erscheint mir gleichermaßen unfassbar wie unverschämt, dass ich für Nike bzw. Adidas Schuhe in Deutschland über 200€ bzw. 170€ zahlen soll, wenn sie in Japan für weniger als die Hälfte verschleudert werden, schließlich wurden sie von den gleichen pakistanischen Kinderhänden gefertigt. Mal abgesehen davon kaufe ich ja eh kein Adidas oder Nike ^^.
Am Ende ist es für mich eine Ray-Ban Sonnenbrille geworden. Der Verkäufer im Laden schwebte wie ein Schatten hinter mir her, bettete jede Brille, die Sono und ich uns ansahen und für halbwegs tauglich befanden, auf ein Kissen und trug selbiges hinter mir her. Er wurde zudem nicht müde, mir zu sagen, wie cool ich damit aussähe, “Beckham! Beckham!”, worin er vom Rest des Verkaufspersonals mit “Kakkoi! Kakkoi!” unterstützt wurde. Wenn ich die Brille nicht gekauft hätte, wäre ich vermutlich von meinem schlechten Gewissen ob der nicht durch einen Einkauf belohnten Serviceleistung bis an mein Lebensende gequält worden. Umgerechnet 65€ wurden für die Brille fällig. Ich bezweifele mal stark, dass ich in Deutschland dafür fündig geworden wäre. Haha, eine kurze Recherche bei einem Internetanbieter hat einen Preis von 140€ ergeben, ohne Versandkosten. Lol?
Etwas Lustiges habe ich noch entdeckt. Bestimmt habt ihr schon mal etwas von Graniph gehört oder den Namen schon mal irgendwo gelesen. Graniph ist ein japanisches Designstudio, das vor allem für seine T-Shirts bekannt ist, in Japan 70 Shops hat und auch in vielen anderen Ländern der Welt vertreten ist. Die Shirts gefallen mir ziemlich gut, die Qualität ist über jeden Zweifel erhaben und der Preis fair. Bestellen kann man auch über das Internet im Graniph Shop. Auf der Seite gibt es auch lauter News rund um Themen wie Design, Illustration, Fotografie etc., so wird z.B. auf die c/o pop und eine weitere Ausstellung in Köln hingewiesen. Was ist daran lustig? Naja, Deutsch scheint momentan hip zu sein, deshalb werden gerne Aufdrücke in Deutsch verwendet. Das an sich wäre nicht witzig, aber wenn man sich die Aufdrücke mal durchliest…herrje was habe ich gelacht. Auf korrektes Deutsch wird, ebenso wie hier im Blog, wenig Wert gelegt. Vielmehr wirken die Sätze so, als hätte jemand altavista babelfish oder irgendeine andere Internetseite zur Übersetzung verwendet. Haar sträubende Konstruktionen, abstruse Mischungen aus Deutsch und Englisch, sowie teilweise Wörter, die man keiner Sprache zuordnen kann, kommen dabei heraus. Manchmal sind die Wörter korrekt geschrieben, aber völlig ohne Zusammenhang verwendet, fast wie bei den Regeln des Black Metals, nach denen Albumtitel aus drei völlig unzusammenhängenden Wörtern bestehen müssen. Nur wenn Zitate, beispielsweise von Goethe, verwendet werden, ist der Aufdruck richtig. Hier ein Beispiel:
OMG IST DAS GROSSARTIG!
Ja, da hatte ich meinen Spaß. Was gab es sonst noch Interessantes zu sehen? Sonntags ist auf jeden Fall einiges los in Hiroshima. Die ganze Stadt scheint einkaufen zu gehen, was man in der überdachten Hondori auch bestens tun kann.
Wo viele Menschen sind, wird man auch immer welche finden, die Publikum brauchen, so auch in Hiroshima. Auf dem Platz vor PARCO, ein riesiges Kaufhaus, tanzte eine Truppe Rockabilly Fans und lebte seine Vorstellung der amerikanischen Fifties/Sixties, inklusive Tolle, Kamm etc., wie die Fotos/Videos beweisen:
Yeah!
Video: Lasst die Röcke fliegen, Mädels! (9 MB)
Video: Coole Dudes rocken (19 MB)
Video: Woah! Tanz oder Stunt? (16 MB)
Sonntage in Hiroshima machen also Spaß. Auf der Rückfahrt habe ich noch kurz auf der Autobahn angehalten, um u.a. folgendes Foto zu machen:
Joar hier gefällt es mir.
Ansonsten habe ich noch eine weitere Schule besucht, dieses Mal war es eine Grundschule. Wieder habe ich Deutschland kurz vorgestellt, mit den Kindern über meine und ihre Hobbies geredet und Fragen beantwortet. Nach ein paar Spielen in der Klasse haben wir noch zusammen Mittag gegessen und danach Fußball, Basketball und Völkerball gespielt. Außerdem wurde ich von vielen Kindern als menschliche Kletter- und Hüpfburg mißbraucht! Zum Dank und als Erinnerung an den Tag bekam ich von jedem Kind einen Brief und ein Bild, was wirklich herzallerliebst war.
Schröjahr-sensei beim Unterricht.
Super war auch der Nachmittag bei einer Teezeremonie-Meisterin. Mir wurde gezeigt, wie eine traditionelle Teezeremonie abläuft und ich kann euch sagen, dass korrektes Verhalten bei so einer Zeremonie geübt werden muss, von der Leidensfähigkeit, die man mitbringen sollte, ganz zu schweigen. Die Sitzposition ist auf jeden Fall nichts für Vaters Sohn.
Tee!
Leider, leider ging die Zeit in Kurose viel zu schnell vorbei. Ein tolles Abschiedsessen bei Tadashi-san und Akemi-san, noch ein paar Abende mit den Moritakas, und schon hatte sich die tollste Zeit, die ich bisher in Japan hatte, ihrem Ende genähert. Ich kann nicht sagen, wie ich mich jemals angemessen dafür bedanken könnte, so gastfreundlich wie die Moritakas, Noriaki, Sumiko, Shiho (in Deutschland), Sono, Keisuke und Pele, sowie all ihre Bekannten und Freunde waren.
Danke, Pele!
Danke, Sono!
Ich wäre gerne noch (sehr) viel länger in Kurose geblieben, aber ich freute mich auch sehr darauf, meinen Bruder Frederick in Tokyo zu treffen. Ja, die letzten Tage meines Japanaufenthalts werde ich in Tokyo verbringen. Der Nachtbus von Hiroshima nach Tokyo sollte mich in 12 Stunden wieder in diesem Moloch absetzen, um meinen Bruder am Bahnhof Ueno zu treffen. Mal sehen, was die 10 Tage mit ihm so bringen werden.
Sayonara, liebe Moritakas, sayonara Kurose


















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