Da war es mir ja fast schon peinlich, beim letzten Mal so viele Videospielmetaphern verwendet bzw. Parallelen gezogen zu haben, doch was mache ich? Richtig, ich schiebe sofort weitere hinterher. Prinzessin Peach ist diejenige Person, die Mario und Luigi in den meisten Spielen retten müssen. Gerettet haben wir zwar niemanden, aber doch eine “Prinzessin” getroffen, hahaha. “Sorry Mario, but your princess is in another castle!”, nur das wir sie nicht in einem Schloss getroffen haben, sondern in einem Hostessen-Club und sie nicht auf den Namen Peach hört, sondern Ania heißt. Ania haben wir auf einer unserer Forschungssxkursionen in traditionelle japanische Vergnügungsviertel kennengelernt, als wir zum Thema “heftige Feierei in Shinjuku und Roppongi” eine Feldstudie durchführten.
Unsere Prinzessin war froh, mal mit jüngeren Ausländern quatschen zu können und sich nicht immer von alten japanischen Geschäftsleuten ansabbern zu lassen, weshalb sie sich in den nächsten Tagen bei unseren Sightseeing-Aktivitäten anschließen wollte. Irgendwie ist das schon verrückt und seltsam, nicht wahr? Egal, sympathisch ist sie allemal, unsere Peach, deshalb waren wir ab jetzt tagsüber erstmal als Trio unterwegs. Unser erstes Ziel war Tokyo Midtown, ein Komplex mit Mischnutzung, der nicht mal einen Kilometer Luftlinie von Roppongi Hills entfernt ist. Das Konzept, das hinter Tokyo Midtown steht, ist folgendes:
“Tokyo Midtown is a composite urban district with a new style. It comprises a package of six buildings set amongst lush greenery. This town features a variety of facilities such as stores, restaurants, offices, hotels and museums, surrounded by greenery. These resonate with each other to provide your urban life with a superior quality of everyday living. Art is alive in every corner of the town to welcome the visitors, as it is also a key factor in the proliferation of Japanese designs around the world.”
Ach ja, was soll ich dazu sagen? Entworfen wurde der Großteil von Ando Tadao…mehr muss man dazu schon fast nicht sagen. Alles sieht toll aus, wirkt sehr elegant und ansprechend, aber schon fast klinisch rein, was auch auf die Parks rundherum zutrifft. Keine der Grünflächen darf man betreten und dementsprechend sehen sie auch aus…der Rasen wirkt so exakt gemäht, als hätte ein Chirurg ihn mit einem Skalpell gemäht. Dass der Hauptturm der sechs Gebäude der höchste Wolkenkratzer Tokyos ist, hat mich nicht beeindruckt. Richtig toll fanden wir allerdings den Fuji Xerox Art Space in den ersten zwei Stockwerken. Hier gab es die gesamte Produktpalette von Fuji Film (Fotografie) zu bewundern, aber richtig genial waren die Foto-Ausstellungen. Die Fotos zum Thema “Unsere Erde” waren extrem faszinierend und von hypnotischer Schönheit, genau wie die Mitarbeiterin an der Information. Mal wieder ein “Oh Mist ich starre ja mit geöffnetem Mund”-Moment, aber davon hatte ich schon so viele in Japan, dass es mir nicht mehr peinlich ist hehe. Luigi und Peach waren gleichermaßen interessiert und deshalb verbrachten wir schon ein bisschen Zeit hier.
Luigi und Peach schauen sich Fotos an, die von irgendwelchen Leute eingesendet wurden.
Eines der Fotos aus der Ausstellung “Unsere Erde”. Leider hing direkt daneben ein Schild, dass darauf hinwies, dass man hier keine Fotos machen darf. Schade.
Frederick und Ania im Fuji Xerox Art Space.
Weiter ging es in der Galeria, die den siebenstöckigen Haupteinkaufskomplex von Tokyo Midtown darstellt. Viele Geschäfte gehobenen Preisniveaus finden sich hier, aber auch ein paar edle Restaurants und ein Geschäft, das nur die Weine von Francis Ford Coppola anbietet. Dominiert wird die Eingangshalle von einer extravaganten Brunneninstallation…schick, schick!
Ach ja, was kostet die Welt?
Danach haben wir eigentlich nur im Park entspannt, da wir in letzter Zeit die Nacht zum Tage gemacht haben. Wie gesagt, so nett der Park angelegt sein mag, auf mich persönlich hat er zu klinisch, zu perfekt gewirkt, als dass man hier wirklich hätte entspannen können. Einige wenige Menschen hielten sich nicht an das Verbot, den Rasen nicht zu betreten und legten sich in die Sonne. Ich glaube, das waren Ausländer! Immer diese verdammten Ausländer!
Es war nirgendwo ein Schild zu sehen, dass man nicht in die kleinen Bäche gehen durfte, also suchte ich dort Abkühlung und natürlich ein nettes Fotomotiv für uns.
Oh wie cool!
Park, im Hintergrund der höchste Wolkenkratzer Tokyos.
Mario mit Prinzessin. Bowser…äh Luigi hat das Foto gemacht.
Danach war Luigi an der Reihe
Übel heiß und schwül war es, deshalb hielt sich unser Tatendrang auch stark in Grenzen. Am liebsten hätte ich mich zu den Kindern gesellt, die an einem der Springbrunnen des Parks spielten und sich Abkühlung verschafften.
Ja genau, das macht Spaß, also wollte Onkel Wolfgang auch mal.
Ein paar weitere Fotos von Ania und uns gibt es noch in der Galerie.
Yah, langsam mussten wir schon zurückschlendern, denn der Tag begann spät für uns und Anias Arbeitstag fängt i.d.R. um 18 Uhr an, weil dann die ersten japanischen Geschäftsleute in die Clubs strömen. Von da an war our princess in another castle und Mario & Luigi wieder als Duo unterwegs. Wir gingen wieder zu Roppongi Hills, da wir bei unserem ersten Besuch zu spät kamen, um noch auf das Skydeck des Mori Towers gehen zu können. Das Skydeck ist nichts anderes als der Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Gebäudes, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten. Zunächst bummelten wir noch durch Roppongi Hills, wo sich u.a. die Zentrale von TV Asahi befindet. Ich war zwar schon mal da, aber mein alter Kumpel Doraemon arbeitet dort und Frederick sollte ihn auch mal kennenlernen. Doraemon ist mehr als nur eine Mangafigur, er ist so etwas wie ein nationales Kulturgut und scheint allgegenwärtig zu sein, genau wie Hello Kitty. Es war also unsere Pflicht, zu einer Audienz bei ihm einzukehren und ein kleines Ständchen mit ihm zu singen. Mist, ich hätte ein paar dorayaki kaufen und als Souvenir mitbringen sollen…
Rock on, dude!
Nanu?
Jaja, für alberne Sachen werde ich wohl nie zu alt, was?
Wo wir gerade beim Fernsehen sind: Um Hape Kerkeling zu zitieren, “Kinder und Tiere gehen immer”, wie er in “Kein Pardon” sagte. Vielleicht ist das eine Journalistenregel, wer weiß, aber sie scheint zu stimmen, denn vor dem Kimonogeschäft neben TV Asahi konnte ich folgende Szenerie beobachten:
Ich glaube, der Hund ruft “Hilfe!”.
Zwei Hunde waren es, hier der Größere von beiden. Junge, was für ein Brummer. Aber was ist das überhaupt für eine Rasse? Sieht irgendwie wie ein Pudel aus, der in einem chinesischen Leistungszentrum für Leichtathletinnen bearbeitet wurde. Auf jeden Fall bekommt man damit eine Menge Aufmerksamkeit geschenkt, so wie die Speisekarte eines Edelrestaurants um die Ecke Aufmerksamkeit meinerseits erfuhr:
Ja was denn nun? Englisch? Italienisch? Englisch und Französisch? Italienisch und Französisch? Nur Französisch? Eine Kombination sollte es schon sein, denn eine Portion Nudeln und Schmerz möchte ich nicht so gerne bestellen. Hach ja, es hört sich vermutlich authentisch exotisch an und Image ist ja bekanntlich alles, besonders in Roppongi Hills.
So, genug gelästert, ab auf das Skydeck! Wiederum gibt es Bilder von Tokyo bei Dunkelheit, aber lasst Euch sagen, dass es nochmal etwas gänzlich anderes ist, wenn man auf dem Dach eines Wolkenkratzers steht und einen solchen Ausblick genießen kann, als wenn man durch ein Fenster blickt, so groß es auch sein mag.
Mit Sternschnuppe (vielleicht auch nur ein Flugzeug :)). Ihr dürft Euch trotzdem alle etwas wünschen.
Geil…da spielte es keine Rolle, dass der Ausblick der gleiche wie gestern war.
Das Mori Museum haben wir dieses Mal ebenfalls besucht, zum Glück. Als wir dort waren, gab es eine Ausstellung zur Geschichte des Turner Preises, eine der wichtigsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst und der wichtigste Kunstpreis Großbritanniens. Recht bekannt ist das Werk “Mother and Child, Divided.” von Damien Hirst, der 1995 den Turner Preis erhielt. Ein Profilaufschnitt von Kühen in einem mit Formaldehyd gefüllten Glascontainer ist vermutlich nicht jedermanns Sache, was so manches leicht angewidertes Gesicht erklären würde. Sehr gut gefallen hat mir die Videoinstallation des Preisträgers von 1996, Douglas Gordon. Sie heißt “Confessions of a Justified Sinner” und zeigt eine Szene aus dem Klassiker “Dr. Jekyll und Mr. Hyde”, von der ein Ausschnitt vergrößert, in der Abspielgeschwindigkeit verlangsamt und mit einem Filter verändert wurde, was zumindest auf mich sehr hypnotisch wirkte. Fotos durfte man nicht machen, aber als im Terrorjahr 1977 geborenes Kind liess ich mich davon nicht abhalten und schoss ein Foto aus der Hüfte. Weitere Fotos sowie ein Interview mit den Machern der Ausstellung könnt ihr hier nachlesen.
Impressive.
Tja, was sollten wir mit dem angebrochenen Tag nun anfangen? Alles klar, eine weitere Party musste her. Dieses Mal wollten wir aber “richtig” Party machen, also mit Musik und Tanz, ne? Unsere Wahl fiel auf das ageHa. ageHa ist eine der größten Discos bzw. Veranstaltungshallen Tokyos und liegt ziemlich weit außerhalb. Nach einer abenteuerlichen Taxifahrt mit einem Fahrer, der einen Polizisten nach dem Weg fragen musste (!), kamen wir dort an, nur um eine Schlange von Menschen zu sehen, die locker über 200 Meter lang war. Dazu kam eine dermaßen schwüle Hitze, dass Frederick und ich schon keinen Bock mehr hatten und unverrichteter Dinge wieder gingen. An dem Abend sollte dort House, Trance und Psytrance (\o/) gespielt werden, deshalb waren wir auch enttäuscht, dass wir nicht dabei waren. Wir gingen zurück zum Bahnhof…Bahnen fuhren natürlich nicht mehr und so setzten wir uns mit ein paar Bier auf eine Grünfläche. Vom ageHa aus drangen immer wieder Jubelschreie und Partygeräusche zu uns herüber, während alle paar Minuten der kostenlose Shuttle-Bus, der zwischen dem ageHa und Shibuya verkehrte, eine neue Ladung Partymenschen herankarrte. Wir schauten noch mal dort vorbei und siehe da, es stand kaum jemand vor dem Eingang! Rein da! Das ageHa ist, wie gesagt, groß! Elf verschiedene Räume/Bars/Säle warten auf Gäste, unter anderem sogar ein Swimmingpool. Gäste waren in rauen Mengen vorhanden, genau wie tolle Stimmung. Der Techno/House Kram war mir zu lahm, genau wie der Anfang des Psytrance-Sets im Zelt, was eher Progressive war. Ab 3.30 Uhr wurde dann aber feinster Morning Full-On gespielt, weshalb die Menge im Zelt schön tobte und lauter Leute aus der großen Hauptarena rüberkamen. Fotos gibt es nicht, da ich nicht schon wieder eine Kamera wegtanzen wollte. Um 6 Uhr war der Spaß leider schon wieder vorbei, wie immer in den großen Clubs und Discos Japans, aber gut war es!
Ich wurde zudem schlagartig wach, als ich auf dem Weg zum Bahnhof feststellte, dass mein Reisepass noch in einem Schließfach an der Garderobe war! Nach einem Sprint zurück zum ageHa, inklusive Adler, den ich die Treppe zum Eingang herunter gemacht habe, konnte ich den Reisepass erleichtert in meinen - nun leicht blutigen - Hände halten. Irgendwie hat sich die letzte Stufe der Treppe bewegt, sonst wäre ich doch nicht gestürzt
Für das ageHa sprechen Mario & Luigi also eine Empfehlung aus. Wer sich einer herausragenden Reizüberflutung aussetzen möchte, der sollte an einem Tag, an dem Bikini Pool Party ist, dorthin gehen
Am nächsten (selben, nur gegen 14 Uhr) Tag trafen wir Ania wieder und schauten uns mit ihr kurz Akihabara an, das für die beiden sicher weniger interessant war, als es für mich jedes Mal wieder ist. The woman of matchless beauty ist und bleibt genau das, schon alleine wegen dieser Wanddekoration:
Spaß in und vor Yodobashi-Akiba.
Der nächste Abstecher führte uns nach Harajuku, was das Einkaufsmekka für junge Leute in Tokyo ist. Ohne viel dazu zu erzählen…Bilder sagen manchmal eben doch mehr als Worte…
Einfach nur heftig, oder doch…
…fuckin’ destroy glamorous? Das muss jeder für sich entscheiden.
Ein ausgiebiger Bummel in Harajuku nimmt ganz schön Zeit in Anspruch und plötzlich war der Nachmittag vorbei, was zu einer Beinahe-Panikreaktion bei Ania führte, die auf dem schnellsten Weg zur Wohnung zurückkehren musste. Ich könnte mich arg täuschen, aber für mich riecht diese ganze Sache, inklusive Widersprüche, in die sie sich verstrickt hat, nach einer abgeschwächten Form von Menschenhandel. Traurige Geschichte, aber da kann man nichts machen.
Wir sind noch mal zurück nach Akihabara gefahren und haben uns dort ein paar der Fetischläden angesehen, denn das ist auch Teil der japanischen Kultur und es mussten Geschenke für die daheim gebliebenen Freunde gekauft werden. Zum Abschluß noch zwei Bilder von müden Kriegern:
Müder Krieger #1 nach einem langen Tag.
Müder Krieger #2 nach zu vielen Spielen, in denen er der eigenen Geschichte nicht mehr folgen konnte (Nerd-Humor, muss nicht jeder verstehen.)
Abayo.
Ältere, verwandte Galerien:

































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