Einen Tag haben wir noch in Shinjuku und Ikebukuro verbracht, da noch Schuhe erworben werden mussten. Für mich selbst habe ich als Andenken einen Fächer gekauft. Der letzte Samstag in Japan war der bis dahin heißeste Tag des Jahres in Japan, mit stellenweise 38°C im Schatten in Tokyo, gepaart mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit. An diesem Tag starben einige ältere Menschen, ein komplettes Baseballteam erlitt einen Hitzeschlag und bei vielen weiteren lautete die Diagnose entweder Sonnenstich oder Dehydrierung. So las ich es zumindest in der Zeitung. Kein Wunder, sage ich da nur.

Am frühen Abend, als wir nach Shinjuku zurückkehrten, sahen wir, wie eine junge Frau auf dem Rand eines Blumenkübels saß, mit dem Oberkörper aber nach hinten gekippt war und halb im Busch lag. Komisch sah das aus, aber es saßen und standen viele Leute daneben, also dachten wir, dass sie vielleicht tatsächlich nur müde wurde und ihre Freunde neben ihr waren. Als wir nach 20 Minuten wieder aus einem Kaufhaus kamen, lag sie immer noch in der gleichen Position wie vorher da, also konnte da etwas nicht stimmen. Ich fragte die Leute, die daneben saßen, ob das ihre Freundin sei, was sie verneinten. Sie meinten allerdings, dass sie bestimmt in Ordnung sei und nur schlafe. Ähm, nein? Wer schläft schon  eine halbe Stunde in einem Busch, mitten in Shinjuku, die Louis Vitton Taschen und weitere Einkaufstaschen schön aufgereiht? Richtig, vermutlich kaum jemand.

Die junge Frau war eine von vielen Japanerinnen, die mit Jeansgröße Null viel zu dünn sind, ihre Streichholzbeine auf übelst hochhackige Schuhe stellen und mit derart vielen Einkaufstaschen behangen sind, dass sie einem anatolischen Muli Konkurrenz machen könnten. Nun kann man darüber streiten, ob das überhaupt sein muss, aber gänzlich unstrittig dürfte es sein, dass es unklug ist, das bei 35-38°C im Schatten zu machen. Fashion victim oder style victim, das bekommt hier eine ganz andere Bedeutung. Diese junge Japanerin war auf jeden Fall völlig weggetreten, denn sie reagierte nicht auf meine Ansprechversuche, nicht mal auf leichte Klapser ins Gesicht oder starkes Rütteln. Ein Blick unter die Augenlider zeigte, dass ihre Augen vollkommen glasig waren und keinerlei Pupillenreaktion zu sehen war. Ich sagte einem anderen Mädel, dass sie sofort den Arzt rufen solle, was sie auch tat. Plötzlich waren rings um uns herum lauter Leute da. Vorher hatte sich niemand um sie gekümmert, aber jetzt konnten alle gaffen. Das Übelste war, dass eine andere junge Frau, die ich schon vorher neben der Bewusstlosen gesehen hatte, sich als Krankenschwester entpuppt hat. Sie konnte dann mehr oder weniger erste Hilfe leisten, ihren Puls und Blutdruck bestimmen, was sie alles an telefonisch an den Notarzt weitergab. Mit meinem neu erworbenen Fächer sorgte ich für Frischluft, bis zuerst die Feuerwehr eintraf. Weder die Feuerwehr noch der nachfolgend eingetroffene Notarzt konnten sie wieder zu Bewusstsein bringen, also wurde sie liegend abtransportiert.

Bah, diese Teilnahmslosigkeit und Wegsehmentalität, die in Tokyo zum Alltag gehört, die ging mir so auf den Sack. Immer schön das Image und die Coolness waren, bloss nicht hinschauen oder etwas vermeintlich Peinliches machen, ne? Da lässt eine Krankenschwester eine Frau mindestens 30 Minuten rumliegen und macht erst etwas, nachdem sich zwei dusselige Ausländer zuerst um die Frau gekümmert haben. Wer weiß, wie lange das Mädel vorher schon im Busch lag, bevor Frederick und ich dort vorbeikamen? Dumm genug, dass wir (ich) nicht sofort die Leute daneben gefragt haben, ob sie Freunde der Frau sind, aber für mich war der Gedanke absurder, dass jemand die Frau unbeachtet dort liegen lässt, als dass die sich tatsächlich bei diesen krassen Temperaturen so ausruht. Ätzend, total ätzend.

Man kann es sicher heraushören, Tokyo mag ich nicht wirklich. Ich habe mich gefragt, ob Tokyo repräsentativ für Japan sein könnte, aber ich war insgesamt nur ungefähr einen Monat dort und vielleicht kann ich mir kein Urteil erlauben, weder über Tokyo noch über Japan :). Urteil ist wahrscheinlich eh das falsche Wort, belassen wir es bei einer Meinung. Meiner Meinung nach ist Tokyo für gar nichts repräsentativ, außer für sich selbst. Für mich ist es, so interessant, vielfältig, modern und einzigartig es sein mag, Weltstadt hin oder her, eine lebensfeindliche Umgebung, deren Energie raubender Charakter sich in den zig Tausenden ausgemergelten Gesichtern der Pendler widerspiegelt. Komisch, dass mein Rat lautet, es unbedingt mal gesehen haben zu müssen.

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Noch einmal Shinjuku bei Nacht. Hinter mir (ich habe das Foto gemacht) war die Stelle, wo die Frau im Busch lag.

Frederick und ich haben am letzten Abend eigentlich nur noch eine Tour durch Restaurants gemacht und gegessen bis zum Umfallen. Das japanische Essen werde ich definitiv vermissen, denn so gesund habe ich mich das letzte Mal vor zehn Jahren gefühlt. Im Shinjuku Sports Center, das die beste Spielhalle ist, die ich je gesehen habe, wurde an diesem Tag noch der brandneue Street Fighter IV Automat aufgestellt, den ich mir natürlich anschauen bzw. spielen musste. Was für ein geiles Spiel!

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Kitty!

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Der Narita Express kommt gleich.

Die Nacht habe ich fast durchgemacht, weil ich mit der allerersten Bahn zum Flughafen Narita fahren musste. Aufgrund einer kleinen Fehlplanung musste Frederick noch einen Tag alleine in Tokyo verbringen. Von Narita aus ging es zunächst nach Seoul, von da aus weiter nach Frankfurt. Ein Tipp an  dieser Stelle: Asiana Airlines ist eine tolle Airline, sehr günstig und eine der wenigen Fluglinien, die bei skytrax 5 Sterne erhalten haben. Der Service ist super, das Essen wirklich gut (vor allem das koreanische Menü) und der Komfort für die Economy Klasse sehr gut.

Damit ging ein halbes Jahr in Japan für mich zu Ende. Wie war es denn nun? Es war ziemlich intensiv. Ich habe sehr viel gesehen, sehr viele Leute getroffen, Freunde gefunden und noch mehr gelernt. Wirklich zusammenfassen kann und will ich es nicht, außer: Licht und Schatten, wobei z.B. die Tatsache, dass ich wieder zurück nach .de musste, auch als Schatten gewertet werden kann. Das ist so allgemein, dass es auf alles zutrifft, aber eben auch auf meinen Japanaufenthalt, deshalb ist mein letztes Foto auf japanischem Boden auch das hier gewesen. Jeder, der sich den ganzen Kram, den ich hier geschrieben habe, durchgelesen hat, kann sich selbst ein Bild davon machen, in welchem Verhältnis Licht und Schatten zueinander stehen.

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Leichter zusammenfassen lässt sich da mein Blog. Ich war am Anfang skeptisch, ob ich das hier überhaupt machen sollte, war aber der Meinung, dass meine Familie und Freunde so am besten sehen können, was ich so in Japan mache und dass es gegenüber vielen einzelnen Mails Zeit spart. Mittendrin habe ich gemerkt, dass es mir auch einfach Spaß gemacht hat. Wenn es euch auch Spaß gemacht hat, hier zu lesen und Fotos anzuschauen, dann freut mich das. Nichtsdestotrotz ist das hier der letzte Eintrag, denn die Japan-Reise ist zu Ende, folglich auch der Japan-Blog.

Zahlen:

6 Monate

59 Einträge habe ich geschrieben

185 Kommentare gab es dazu

2443 Bilder habe ich auf 50 Galerien verteilt

9379 Besuche der Seite gab es

21016 Seiten wurden dabei abgerufen

400248 Anfragen wurden dabei gestellt

82249276 Kilobyte Traffic wurden dadurch verursacht

Mehr, als ich jemals gedacht hätte hehe. Lustig ist auch, dass Leute aus vielen verschiedenen Ländern kamen und durch Suchen nach Begriffen wie “Jean Claude Van Damme” auf meiner Seite gelandet sind. Lol.

Bedanken muss ich mich auch noch, am allermeisten natürlich bei meiner Familie, ohne die das alles logischerweise kaum möglich gewesen wäre: Danke! Dann bei meinen Freunden, also bei euch. Diese zwei “Dinge” haben mir am meisten in Japan gefehlt.

Von den Leuten, die ich in Japan kennengelernt habe, bin ich einigen zu sehr viel Dank verpflichtet, aber ohne hier irgendeine Rangfolge anzugeben: Noriaki, Sumiko, Sono, Keisuke, Akemi, Tadashi, Kohei, Yvonne, Lanna, Judith, Yumiko, Satoshi, Tomoko, Toshie, Sarah, Noriyaki, Zenryu, Ken, Benoit, Ben, Ai, Taniguchi, Yohei, Emi, Mi, Ami, Ania, Tuomo, Takeuchi, Naka, Nao, Shinpei, Kayo, Lili, Ryu, Louie, Boat und noch einige mehr, aber mein Namensgedächtnis ist wirklich nicht das beste, deshalb sorry an dieser Stelle an diejenigen, die ich vergessen habe. Ein paar von euch werde ich bestimmt noch mal wiedersehen, denn die Welt ist klein.

In diesem Sinne, さよなら。

Epilog:

Puh, 9 Stunden Unterschied, wieder ein Zeitsprung. Warum ist es eigentlich in Frankfurt am Flughafen so laut und warum müssen die Deutschen so schreien?  Warum kann sich niemand in einer ordentlichen Reihe anstellen? Könnte die Tusse am Informationsschalter mal ein bisschen freundlicher sein? Ich habe schließlich Geld für den Flug bezahlt! Kulturschock mal anders.

Owari

12 Fotos

4 Antworten zu “終り。”
  1. Hye-Jin sagt:

    Gooooott!!!!! Du bist SOOOOO unverschämt!!! ;)
    Rotze Frech!!!

  2. surfschwede sagt:

    … schade, schade…. hab immer gerne gelesen hier um zu gucken was du so treibst und wie es dir geht. Aber noch schöner ist, dass du wieder da bist. Also, bis denn Bursche.

    PS: Tokyo needs a new Godzilla ;)

  3. hardgainer sagt:

    Hey Wolfgang!!

    Ich muss gestehen, es ist auch für mich sehr, sehr traurig nichts Neues mehr in deinem Blog zu lesen!!
    Habe deine Seite immer regelmäßig besucht, um mich auf dem Laufenden zu halten, was du so treibst ;-)
    Deine Einträge waren super… die Fotos unglaublich gut!!

    WELCOME BACK IN GERMANY, DUDE :-)

  4. admin sagt:

    Ach Hye-Jin…nun kennen wir uns schon so lange und du hast immer noch nicht verinnerlicht, dass du mich auch einfach Wolfgang (und, weil du es bist, auch Burschi) nennen darfst!

    Ich hoffe mal, dass du einen netten Urlaub hattest und dir nichts Wichtiges in Schweden abgefroren hast…wäre ja schade drum ;)
    Im Text habe ich die Koreaner (Asiana Airlines) aber gelobt, und ansonsten auch des öfteren an anderer Stelle. Ich mag Koreaner.

    Danke für euer Lob, Jungs. Ich freue mich auch schon drauf, euch mal wieder zu treffen. Wenn ich mir meinen eigenen Kram durchlese, dann merke ich erst, was ich alles vermisse hehe. Ach was soll’s, Deutschland ist auch nicht schlecht :)

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